Gut zwei Monate vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin hat die CDU ihren Spitzenkandidaten ausgewechselt. Der bisherige Amtsinhaber und Regierende Bürgermeister Kai Wegner zog sich am Donnerstag überraschend zurück. An seine Stelle soll Finanzsenator Stefan Evers treten. Die Kreisvorsitzenden der Hauptstadt-CDU sprachen sich am Abend einstimmig für den 46-Jährigen aus, wie Fraktionschef Dirk Stettner der RBB-„Abendschau“ mitteilte.
Druck auf Wegner wuchs nach Stromausfall
Wegner hatte dem Druck nachgegeben, der durch monatelange Diskussionen über widersprüchliche Angaben zu seinem Krisenmanagement während des großen Stromausfalls Anfang Januar entstanden war. Damals waren im Südwesten Berlins rund 100.000 Menschen stunden- bis tagelang ohne Strom. Wegner verschwieg zunächst, dass er am ersten Tag der Krise mittags eine Stunde Tennis spielte. Später kamen immer mehr Ungereimtheiten ans Licht.
„Ich habe kommunikative Fehler gemacht. Und ja, glauben Sie es mir, ich ärgere mich am meisten darüber. Und das war auch Mist“, räumte Wegner am Nachmittag ein. Er habe in den letzten Tagen festgestellt, dass er mit den wichtigen Themen der Stadt nicht mehr durchdringe, weil eine andere Debatte alles überlagere.
Evers soll die CDU führen
Die Kreisvorsitzenden einigten sich schnell auf Evers. „Es wird schnellstmöglich jetzt die Empfehlung an den Landesvorstand ausgesprochen werden“, kündigte Stettner an. „Der wird dann tagen, schnellstmöglich, um dann die weiteren Schritte zu besprechen. Aber für uns heißt es, wir gehen ab sofort mit Stefan Evers in den Wahlkampf.“
Evers gilt in der Berliner CDU als Multitalent. Der 46-Jährige ist seit 2023 Finanzsenator und hat zusätzlich die Aufgaben der zurückgetretenen Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson übernommen. Auf ihm ruhen nun die Hoffnungen vieler CDU-Mitglieder, die zuletzt angesichts sinkender Umfragewerte verzweifelten.
Zuspruch aus anderen Bundesländern
Die Personalie Evers stieß auch über Berlin hinaus auf positive Resonanz. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) lobte ihn im „Tagesspiegel“ als „die perfekte Wahl für Berlin“. Evers könne integrieren und zugleich führen. „Er kann ein Regierender Bürgermeister werden, der unsere Bundeshauptstadt erfolgreich und nachhaltig prägt.“
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) nannte Evers den richtigen Kandidaten für einen erfolgreichen, schnellen Richtungswahlkampf. „Berlin hat in den vergangenen Jahren mit Stefan Evers als Senator nach dem Wahlchaos von Rot-rot-grün die Trendwende geschafft.“
Wegners Rückzug und die Folgen
Wegner will im September wieder als Abgeordneter in das Landesparlament einziehen. Als Senator in einer neuen Landesregierung mit CDU-Beteiligung stehe er nicht zur Verfügung. Bis zur Bildung einer neuen Regierung will er Chef im Roten Rathaus bleiben. Unklar ist, wie lange er noch Landesvorsitzender bleibt.
Der Koalitionspartner SPD ging zunehmend auf Distanz. Deren Spitzenkandidat Steffen Krach schloss am Donnerstag eine Zusammenarbeit mit Wegner nach der Wahl kategorisch aus: „Ich werde es in keiner Konstellation zulassen, dass Kai Wegner in einem künftigen Senat eine Rolle übernehmen kann.“
Umfragewerte der CDU eingebrochen
In der jüngsten Umfrage von Infratest dimap war die CDU mit nur noch 17 Prozent auf den vierten Platz hinter Linken, Grünen und AfD abgerutscht. Bei der Wahl 2023 hatte sie noch 28,2 Prozent erreicht. Nun ist die Erwartung vieler in der Partei an Stefan Evers, dass er die CDU bis zum Wahltag wieder deutlich über die 20 Prozent bringt. Ob das dann für eine schwarze Mehrheit im Roten Rathaus reicht, ist offen.



