Hans Albert Brennenstuhl ist tot. Der Mann, der als Überlebender des Zweiten Weltkriegs und treuer Genosse der SED eine steile Karriere im Zentralkomitee der Partei machte, starb im Kreise seiner Familie. Er hinterlässt vier Kinder, sechs Enkel und zehn Urenkel. Sein Leben war geprägt von Entbehrungen, Aufstieg und unerschütterlichem Glauben an die Partei – bis zum Schluss.
Vom Kriegsflüchtling zum ZK-Mitarbeiter
Geboren 1943 in Wanne-Eickel, zog die Familie nach Suschno bei Lemberg, wo Hans den Bauernhof des Großvaters übernehmen sollte. Doch der Krieg im Osten war verloren. Die Rote Armee rückte ein, Hans wurde in einem polnischen Zwangsarbeiterlager interniert. Seine Mutter verabschiedete ihn mit den Worten: „Geh mit Gott, wir sehen uns nicht wieder.“ Den Vater traf er noch einmal kurz vor dessen Tod. Hans überlebte, aber ein Gewehrkolbenschlag ließ ein Auge fast erblinden. Nach zwei Jahren Flucht kehrte er ins Ruhrgebiet zurück, doch die Verwandten brauchten keinen weiteren Esser.
Er zog weiter, arbeitete im Chemiefaserbetrieb Piesteritz und später als Knecht auf einem Bauernhof in Brandenburg. Von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends schuftete er für kargen Lohn. Als ein Gewerkschafter die Landarbeiter über die Möglichkeit informierte, gegen niedrige Löhne zu klagen, war Hans der Einzige, der vor Gericht zog – sehr zum Ärger des Hofherrn.
Aufstieg durch die Partei
Die SED wurde auf ihn aufmerksam. Er erhielt ein Stipendium für die Arbeiter- und Bauernfakultät in Potsdam und durfte anschließend Landwirtschaft in Berlin studieren. Seine Doktorarbeit schloss er mit Summa cum laude ab. Eigentlich hätte er Leiter einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft werden können, doch die Partei brauchte ihn im Zentralkomitee. Als stellvertretender Sektorenleiter der Abteilung Wissenschaften sollte er die Hochschullehrer auf SED-Linie bringen.
Während des Studiums lernte er Eva kennen, die Gartenbau studierte. Sie heirateten und waren 70 Jahre glücklich verheiratet. Alle privaten Lebenspläne erfüllten sich – die Fünfjahrespläne der Partei hingegen nicht, was Hans lange nicht wahrhaben wollte.
Privilegien und Blindheit für Missstände
Die Partei gab ihm eine zentrale Wohnung in der Lichtenberger Straße, Eva hatte eine gute Arbeit, jedes Jahr ging es in den Urlaub an die Ostsee oder in den Thüringer Wald. Seine Helden waren der Radrennfahrer Täve Schur und der Skispringer Jens Weißflog. Seinen Garten erreichte er auch ohne Auto. Auf Westfernsehen und andere Lockungen des Kapitalismus verzichtete er gern. Als Dank für seine Treue erhielt er eine Ehren-Uhr von Erich Honecker. Orden lehnte er ab, stattdessen reiste er mit Eva auf der „Völkerfreundschaft“ nach Kuba.
Wenn sein Sohn ihn auf Missstände im Betrieb hinwies, winkte Hans ab: „Die Partei weiß alles!“ Sie wusste es nicht – oder wollte es nicht wissen. Hans gehörte zu denen, die bis zum Schluss glaubten, dass die Partei alles richten würde. Sein Glück: Der politische Zusammenbruch kam vor dem ökonomischen. Das Volk triumphierte über die Partei, nicht der Klassenfeind. Daran gab es nichts zu mäkeln, und Hans tat das auch nach der Wende nicht.
Die Jahre nach der Wende
Die Wendezeit war für die Familie gut. Eva und Hans konnten reisen, hatten Zeit für die Enkel. Es war wie früher: Ausflüge in den Tierpark oder ins Strandbad Grünau. Hans' Salatsauce blieb die beliebteste Zutat bei Familienfesten. Vor allem erinnerte er alle pünktlich an anstehende Feste: „Denk daran, ich hab bald Geburtstag, und Muttern will gern feiern!“ Keine Geschenke – die Familie sollte Zeit mit ihm verbringen. Jedem einzelnen gab er einen Tag vor seinem Tod noch ein gutes Wort mit: „Macht was aus euch!“



