Prozess zum Weihnachtsmarkt-Anschlag in Magdeburg: Ausraster überschatten Zeugenaussagen
Seit dem 10. November 2025 läuft in Magdeburg der Prozess gegen Taleb A., der für den verheerenden Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 verantwortlich gemacht wird. Bei der Todesfahrt kamen sechs Menschen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Die Verhandlungstage sind geprägt von emotionalen Zeugenaussagen und wiederholten Ausrastern des Angeklagten, die den Ablauf erheblich stören.
Verlauf der Verhandlungstage im Überblick
Am 25. Verhandlungstag am 23. März 2026 standen eigentlich die psychischen Folgen für die Opfer im Mittelpunkt. Doch erneut sorgte Taleb A. für Aufsehen, als er in den Gerichtssaal getragen werden musste und behauptete, vergiftet und unter Drogen gesetzt zu werden. Erst nach Stunden konnte die Verhandlung fortgesetzt werden, wobei drei Zeugen zu ihren traumatischen Erlebnissen aussagten.
Bereits am 24. Verhandlungstag am 16. März 2026 schilderte eine 74-jährige Rentnerin die schwerwiegenden Folgen für ihren Mann. Dieser erlitt durch die Amokfahrt eine Hirnverletzung und ein zertrümmertes Bein, verlor sein Kurzzeitgedächtnis und ist auf einen Rollator angewiesen. Das Gericht begutachtete zudem Fotos aus der Wohnung des Angeklagten.
Psychische Folgen und juristische Bewertung
Seit Anfang März 2026 konzentriert sich das Landgericht Magdeburg auf die Frage, inwieweit psychische Folgen des Anschlags als Körperverletzung zu werten sind. Dazu werden Betroffene ohne direkte körperliche Verletzungen als Zeugen gehört, und Sachverständige erstellen Gutachten. Ein psychiatrischer Sachverständiger betonte, dass insbesondere Kinder vor einer Retraumatisierung geschützt werden müssen.
Am 10. März 2026 tauchte überraschend ein Video auf, das die Sekunden vor der Tat zeigt. Dieses Material liefert neue Einblicke in das Geschehen und unterstreicht die Brutalität des Anschlags.
Reaktionen des Angeklagten und Verfahrensverzögerungen
Taleb A. zeigt während des Prozesses immer wieder aggressive Verhaltensweisen. So schaltete Richter Dirk Sternberg am 17. Verhandlungstag das Mikrofon des Angeklagten ab, nachdem dieser laut schimpfte und auf den Tisch schlug. Der Angeklagte befindet sich zudem im Hungerstreik und verweigert seit Dezember 2025 die Nahrungsaufnahme.
Die vom Gericht angeregte Verschlankung des Verfahrens ist vorerst gescheitert, da Nebenkläger befürchten, im Urteil nicht beachtet zu werden. Daher wird der Prozess nach Einschätzung des Richters mindestens bis Ostern 2026 dauern, vorsorglich wurden Termine bis Juni vereinbart.
Zeugenaussagen und persönliche Schicksale
Im Laufe des Prozesses haben zahlreiche Opfer und Angehörige ausgesagt. Eine Mutter eines getöteten Neunjährigen beschrieb, wie ihr Leben zerstört wurde. Um ihr den Anblick des Angeklagten zu ersparen, wurden im Gerichtssaal Sichtschutzwände aufgestellt. Weitere Zeugen, darunter eine 13-jährige Schülerin, die vom Tatfahrzeug erfasst wurde, und ein Feuerwehrmann, der überrollt wurde, schilderten ihre langwierigen Genesungsprozesse und anhaltenden Traumata.
Die Aussagen der Zeugen werden oft von emotionalen Momenten begleitet. Viele Betroffene betonen, wie wichtig es ihnen ist, dass ihre Stimmen gehört werden, und nicht nur der Täter im Fokus steht.
Hintergrund und Ermittlungen
Der Angeklagte, ein 51-jähriger Psychiater aus Saudi-Arabien, war vor dem Anschlag im Maßregelvollzug Bernburg tätig. Zeugen beschrieben ihn als unzuverlässig und zweifelten an seiner fachlichen Eignung. Während des Prozesses hat Taleb A. wiederholt Vorwürfe gegen deutsche Behörden erhoben und behauptet, Opfer von Vergiftungen und Misshandlungen zu sein.
Die Ermittlungen nach der Tat umfassten umfangreiche Maßnahmen, darunter die Erstellung eines 3D-Geländemodells mit Drohnentechnik durch das LKA Berlin. Im Tatfahrzeug wurden ein Testament des Angeklagten und mehrere Handys gefunden.
Der Prozess findet in einer eigens errichteten Leichtbauhalle am Jerichower Platz in Magdeburg statt, da keiner der regulären Gerichtssäle ausreicht. Mehr als 140 Nebenkläger und rund 160 Journalisten sind beteiligt, was die nationale und internationale Bedeutung des Verfahrens unterstreicht.
Insgesamt zeichnet der Prozess ein Bild von tiefgreifendem Leid und komplexen juristischen Fragen. Während die Opfer um Gerechtigkeit ringen, bleibt der Ausgang des Verfahrens ungewiss, geprägt von emotionalen Turbulenzen und rechtlichen Herausforderungen.



