Der neue World Wealth Report offenbart eine alarmierende Entwicklung: In Deutschland leben rund 1,8 Millionen Millionäre, ein Anstieg von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ihr Vermögen wuchs um 12,7 Prozent und damit deutlich schneller als das der Reichen weltweit, das im Schnitt um 8,7 Prozent zulegte. Während sich Vermögen hierzulande rasant vermehrt, stagniert die Wirtschaft, und die Reallöhne befinden sich auf dem Niveau von 2019. Dies zeigt: Die wachsende Vermögensschere spaltet die Gesellschaft zunehmend.
Brandmauer statt Brandschneise
Angesichts von Klimawandel, Kriegen und politischen Krisen ziehen sich Wohlhabende zurück. Populisten schüren das Feuer der Unzufriedenheit, das dort Nahrung findet, wo Menschen nicht mehr an Aufstieg durch eigene Arbeit glauben. Die Stiftung Familienunternehmen, einflussreichste Stimme der großen Vermögen, setzt sich konsequent gegen höhere Steuern ein. Ihr zentrales Anliegen ist die Verhinderung von Steuererhöhungen – ein Kampf, der wenig mit dem Gemeinwohl zu tun hat.
Doppeltes Spiel der Lobby
Die Stiftung agiert mit einer undurchsichtigen Konstruktion: Neben der gemeinnützigen Mutter gründete sie 2021 eine zweite, nicht gemeinnützige Stiftung für reine Lobbyarbeit. Beide teilen sich Vorstand, Kuratorium und Räumlichkeiten. Während die Mutter Steuerfreiheit genießt, kämpft der Zwilling mit Millionenbudgets gegen Steuererhöhungen. Dies ist legal, aber ein doppeltes Spiel, denn die Lobby verteidigt einen Steuersatz, der nur auf dem Papier existiert. Tatsächlich lassen sich steuerpflichtige Vermögen durch Familienstiftungen und Verschonungsbedarfsprüfungen umschichten, sodass effektiv kaum Steuern gezahlt werden.
- Zwischen 2021 und 2024 wurden 105 Anträge auf Verschonung gestellt.
- Statt fälliger 7,83 Milliarden Euro Steuern flossen nur 465 Millionen.
- Allein 2023 wechselten in 26 Fällen rund sechs Milliarden Euro den Besitzer – bei einem effektiven Steuersatz von 0,1 Prozent.
Wachsende Ungleichheit befeuert Populismus
Die Behauptung der Lobby, die Ungleichheit sei seit 2010 gesunken, basiert auf Befragungen, die die extremen Spitzen nicht erfassen. Tatsächlich sind große Vermögen laut DIW seit 2008 um 69 Prozent gestiegen. Das Gefühl des Abgehängtseins ist der Treibstoff für populistische Bewegungen. Die politischen Debatten verlaufen nicht mehr entlang der klassischen Rechts-Links-Achse, sondern entlang einer neuen Linie: Oberhalb vermehrt sich Vermögen von selbst, unterhalb wird Aufstieg immer schwerer.
Plädoyer für eine neue Lobby
Felix Oldenburg, Autor und CEO des Stiftungs-Start-ups Bcause, fordert eine ältere, bessere Strategie: die Brandschneise statt immer höherer Mauern. Die nächste Generation in Unternehmerfamilien erkennt die rhetorischen Strohmänner und Halbwahrheiten zunehmend. In Gesprächen mit Vermögenden hört er den Wunsch nach einer Stimme, die für eine lebenswerte, ökologische und gerechtere Zukunft eintritt. Schon ein Prozent aller Vermögen pro Jahr könnte wesentliche Probleme lösen. Es ist Zeit für eine neue Lobby, die keine Mauern baut, sondern Brände löscht.



