Harvard-Historikerin Jill Lepore über Trump und die amerikanische Krise
Die renommierte Harvard-Historikerin Jill Lepore hat in einem ausführlichen Gespräch mit dem SPIEGEL analysiert, wie der ehemalige US-Präsident Donald Trump die strukturellen Schwächen des politischen Systems der Vereinigten Staaten perfekt ausnutzt. Lepore, die für ihre tiefgründigen Werke zur amerikanischen Geschichte bekannt ist, erklärt, dass die USA seit langem von einer Erzählung der Krise fasziniert seien.
Die Lieblingsgeschichte der Amerikaner
„Unsere Lieblingsgeschichte ist die vom Amerika in der Krise“, so Lepore. Diese narrative Tradition ermögliche es Figuren wie Trump, politische Spaltungen zu vertiefen und institutionelle Lücken für ihren Vorteil zu nutzen. Die Historikerin verweist dabei auf den Kapitolsturm am 6. Januar 2021 in Washington, D.C., den sie als „tiefen Riss im politischen Gemeinwesen“ bezeichnet.
Persönliche Analogie und politische Analyse
Interessanterweise erinnert Trump Lepore an ihren eigenen „irren Cousin“, eine persönliche Analogie, die sie nutzt, um sein unberechenbares Verhalten und seine Fähigkeit, traditionelle politische Normen zu umgehen, zu beschreiben. Sie argumentiert, dass Trumps politischer Stil nicht nur eine individuelle Marotte sei, sondern vielmehr ein Symptom für größere systemische Probleme in der amerikanischen Demokratie.
Lepore betont, dass die aktuelle politische Landschaft in den USA durch eine Kombination aus historischen Erzählungen, medialer Dynamik und sozialen Spannungen geprägt ist. Diese Faktoren würden es Akteuren wie Trump erleichtern, polarisierende Strategien zu verfolgen und die Schwächen des Systems auszunutzen.
Zukunftsperspektiven und Warnungen
Abschließend warnt die Historikerin davor, dass ohne strukturelle Reformen die Anfälligkeit des amerikanischen politischen Systems für derartige Ausnutzung weiterhin bestehen bleibt. Ihr Gespräch mit Nicola Abé in New York bietet somit nicht nur eine scharfsinnige Analyse der Vergangenheit, sondern auch wichtige Impulse für die Zukunft der US-Demokratie.



