Die verheerende Katastrophe im Steinkohlenwerk 'Karl Marx'
Am 22. Februar 1960, um 8:20 Uhr, erschütterte eine gewaltige Explosion das Steinkohlenwerk 'Karl Marx' in Zwickau in einer Tiefe von etwa 1.100 Metern. Sekunden später breitete sich eine Stichflamme durch die engen Stollen aus, während sich 174 Bergleute unter Tage befanden. Tragischerweise kamen 123 von ihnen ums Leben, was dieses Ereignis zum schwersten Grubenunglück in der Geschichte der DDR machte.
Staatliche Vertuschung und ideologische Grenzen
Erst elf Stunden nach der Explosion informierte der Staat die Öffentlichkeit über die nationale Tragödie. Die Nachrichtenagentur ADN meldete lediglich eine 'Explosion unter Tage' und bezeichnete sie als 'tragisches Unglück', vermied jedoch jegliche Schuldfrage. Ministerpräsident Otto Grotewohl lehnte sogar ein Hilfsangebot aus der Bundesrepublik ab, wobei ideologische Grenzen über menschliche Leben gestellt wurden.
Verzweifelte Rettungsaktionen unter extremen Bedingungen
Kurz nach der Explonation eilten Hunderte Rettungskräfte aus ganz Sachsen und der Tschechoslowakei nach Zwickau. Im Schacht herrschten Temperaturen von über 30 Grad, dichter Rauch und Sauerstoffmangel. Dennoch kämpften sich 460 Männer der Grubenwehr vor, um Verschüttete zu retten. Sie konnten 40 Bergleute lebend an die Oberfläche bringen und 13 nur noch tot bergen.
Doch die Feuer in den Schächten breiteten sich aus, und die Luft wurde immer giftiger. Nach sechs Tagen befahl eine Regierungskommission, die Rettungsarbeiten einzustellen. Der noch brennende Abschnitt der Grube wurde zugemauert, um die Sauerstoffzufuhr zu kappen und den Brand zu ersticken. Diese dramatische Entscheidung war logisch, da ohne Abdämmung das Feuer das gesamte Grubensystem hätte zerstören können. Die eingeschlossenen 74 Männer galten als tot.
Trauer überwindet politische Spaltung
Trotz des Kalten Krieges bewegte die Katastrophe Menschen in ganz Deutschland. Am 27. Februar 1960 standen Ost und West gemeinsam für zwei Minuten still. Im Erzgebirge, im Ruhrgebiet, in Fabriken und Werkhallen senkten Arbeiter den Kopf, und in Zwickau läuteten alle Glocken. Es war einer der seltenen Momente, in denen Mitgefühl die politische Spaltung überwand.
In der DDR herrschte Staatstrauer. Tausende zogen auf dem damaligen Stalinplatz, heute Platz der Völkerfreundschaft, an einer Gedenktafel vorbei und legten Blumen und Kränze nieder. Doch bereits wenige Wochen später verloren Obrigkeit und Presse das Interesse, und alles Weitere fiel unter die Aufsicht der Staatssicherheit.
Die wahren Ursachen der Explosion
Offiziell wurde zunächst ein Erdbeben in Nordafrika als Ursache genannt, um das Unglück als unvorhersehbare Naturkatastrophe darzustellen. Diese Erklärung hielt jedoch keiner Überprüfung stand, da das Beben von Agadir erst Tage später stattfand.
Ehemalige Bergleute und Forscher fanden Jahrzehnte später eine andere Wahrheit. Durch mühsame Kleinarbeit werteten sie Protokolle und Stasi-Akten aus. Das Ergebnis: Nicht ein Beben, sondern eine unsachgemäße Sprengung löste die Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosion aus. Methangas hatte sich in einem Stollen angesammelt, und eine zündende Sprengladung brachte das gefährliche Gemisch zur Explosion. Der verantwortliche Sprengmeister gehörte zu den 123 Toten.
Aufarbeitung unter strenger Stasi-Aufsicht
Ein Jahr nach der Katastrophe, im Februar 1961, wurden die zugemauerten Schächte wieder geöffnet. Die Arbeiten standen unter strenger Aufsicht des Ministeriums für Staatssicherheit. MfS-Offiziere begleiteten jede Schicht unter Tage und dokumentierten Funde wie an Tatorten. Stück für Stück kämpften sich die Bergungsgruppen durch verbrannte Streben und deformierte Stollen – eine gefährliche, jahrelange Arbeit.
Bis Mai 1962 konnten 66 der zuvor Verschütteten geborgen werden. 17 Bergleute blieben für immer unter den eingestürzten Gesteinsmassen eingeschlossen. An der Unglücksstelle wurde später ein Damm errichtet, der den Bereich endgültig vom restlichen Grubensystem trennte.
Gedenken und Sicherheitsreformen
Seit der Wende gedenkt Zwickau jedes Jahr am 22. Februar der Opfer. Nach einem stillen Gottesdienst in der Moritzkirche läuten alle Glocken der Stadt. Auf dem Hauptfriedhof steht heute ein schlichter Gedenkstein für die 123 Toten und Vermissten. Auch 66 Jahre später beschäftigt die Katastrophe viele Menschen.
Das Ereignis wurde später zum Wendepunkt in der Sicherheitskultur des Bergbaus in der DDR. Selbstretter mussten fortan ständig am Mann getragen werden, Sprengvorschriften wurden verschärft, und die Kontrolle über Grubenlüftungssysteme verbessert. Diese Maßnahmen sollten ähnliche Tragödien in Zukunft verhindern, doch die Erinnerung an die 123 Opfer bleibt lebendig.



