Ostdeutsche Kita-Erzieher im Visier des Westens? Streit um Fachkräfte-Abwanderung
Die ostdeutschen Bundesländer schlagen Alarm: SPD-Landtagsabgeordnete aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und anderen ostdeutschen Regionen warnen eindringlich vor einer drohenden Abwanderung von pädagogischen Fachkräften aus den Kindertagesstätten. In einem gemeinsamen Schreiben an die Bundesregierung fordern sie, dass das geplante neue Kita-Qualitätsgesetz die besonderen strukturellen Gegebenheiten in Ostdeutschland nicht vernachlässigen darf.
Gravierende Unterschiede zwischen Ost und West
Elske Hildebrandt aus Brandenburg und Mandy Pfeiffer aus Mecklenburg-Vorpommern gehören zu den fünf SPD-Abgeordneten, die in ihrem Schreiben betonen, dass im Bereich der Kindertagesbetreuung nach wie vor erhebliche Disparitäten zwischen Ost und West bestehen. „In Ostdeutschland gibt es ein gut ausgebautes, flächendeckendes Kita-Netz mit hoch qualifizierten pädagogischen Fachkräften“, heißt es in dem Dokument. Dieses Netzwerk ermöglicht insbesondere Frauen und Alleinerziehenden, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, da im Osten mehr Elternpaare und Frauen in Vollzeit arbeiten.
Die Zahlen unterstreichen diese Unterschiede deutlich: Bei den Unter-3-Jährigen liegt die Betreuungsquote in Ostdeutschland um 22 Prozent höher als im Westen. Auch bei den 3- bis 6-Jährigen verzeichnen die ostdeutschen Bundesländer die höchsten Betreuungsquoten bundesweit, die deutlich über 90 Prozent liegen. Diese hohen Quoten sind ein Ergebnis jahrzehntelanger Investitionen und einer etablierten Infrastruktur.
Furcht vor Brain-Drain und Fachkräftemangel
Doch trotz dieser Stärken sehen sich die ostdeutschen Länder mit einer wachsenden Bedrohung konfrontiert. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und eines Rückgangs der Kinderzahlen fürchten sie eine Abwanderung von qualifizierten Erziehern in den Westen. Bislang konnten diese Tendenzen durch Mittel aus dem Kita-Qualitäts- und Teilhabeverbesserungsgesetz des Bundes abgefedert werden. Künftig sollen diese Gelder jedoch nicht mehr für die Fachkräftesicherung oder eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels eingesetzt werden dürfen.
Elske Hildebrandt äußert sich besorgt: „Für mich ist das wieder ein Beispiel, dass die spezifischen ostdeutschen Strukturunterschiede nicht im bundespolitischen Blickfeld sind.“ Sie verweist darauf, dass bereits jetzt Fachpersonal entlassen wird, obwohl die Personalbemessung in Ostdeutschland noch lange nicht das westdeutsche Niveau erreicht hat. Zudem gibt es längere Betreuungszeiten und deutlich mehr Kinder unter drei Jahren in den Kitas.
Ausbau im Westen darf nicht auf Kosten des Ostens gehen
Die Abgeordneten betonen, dass der im Westen notwendige Ausbau von Kita-Plätzen und die Gewinnung von pädagogischen Fachkräften nicht zu Lasten des Ostens umgesetzt werden dürfen. „Der im Westen notwendige Ausbau von Plätzen und die Gewinnung von pädagogischen Fachkräften, um bestehende und künftige Rechtsansprüche abzusichern, kann nicht zu Lasten des Ostens umgesetzt werden“, heißt es in dem Schreiben. Sie warnen davor, dass ein Verbot der Bundesgelder für die Fachkräftesicherung zu einem erneuten Brain-Drain Richtung Westen führen könnte.
Hildebrandt fasst die Befürchtungen zusammen: „Wenn die Bundesgelder nicht für diesen Bereich genutzt werden könnten, werde es wieder zu einem Brain-Drain Richtung Westen kommen. Dann fehlen in einigen Jahren noch mehr Familien in den ostdeutschen Bundesländern. Das kann doch nicht wahr sein!“ Die SPD-Abgeordneten fordern daher eine Anpassung des Kita-Qualitätsgesetzes, die die unterschiedlichen regionalen Herausforderungen fair berücksichtigt und eine weitere Schwächung der ostdeutschen Kita-Landschaft verhindert.



