Busverkehr in der Seenplatte: Ausbau scheitert nicht nur an finanziellen Hürden
Der Nahverkehr im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte steht vor komplexen Herausforderungen. Die Kreisverwaltung bewertet das aktuelle Angebot zwar als ausreichend und im Vergleich zu Nachbarkreisen gleichwertig, doch der gewünschte Ausbau des Busverkehrs stößt auf mehrere Hindernisse. Dies geht aus einer detaillierten Antwort des Landratsamtes auf eine parlamentarische Anfrage hervor, die tiefe Einblicke in die Strukturen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) gewährt.
Kostensteigerungen und Fachkräftemangel als Haupthemmnisse
Als zentrale Probleme beim Ausbau des Bus-Angebots identifiziert die Verwaltung massiv gestiegene Kosten für Personal, Material und Energie seit dem Jahr 2022. Hinzu kommt ein akuter Fachkräftemangel im Verkehrssektor sowie ungewöhnlich lange Lieferzeiten für neue Fahrzeuge. Über den öffentlichen Dienstleistungsauftrag an die kreiseigene Verkehrsgesellschaft MVVG muss der Landkreis diese Mehrkosten ausgleichen, was die finanziellen Spielräume erheblich einschränkt.
Rechtliche Grundlagen und Erschließungsstandards
Grundlage für die Einschätzung der Verkehrssituation bildet der Nahverkehrsplan (NVP), den der Kreistag bereits 2021 beschlossen hat. Dieser definiert klare Erschließungsstandards:
- Ortsteile mit mindestens 100 Einwohnern gelten als Untergrenze für die räumliche Mindesterschließung
- Im Stadtverkehr sollen Haltestellen maximal 400 Meter Luftlinie auseinanderliegen
- Im Regionallinienverkehr beträgt der Mindestabstand 600 Meter
- Für die Angebotsqualität sind Grundtakte zwischen 60 und 180 Minuten vorgesehen
Besondere Bedeutung kommt der Verzahnung von Nahverkehrsplan und Schülerbeförderungssatzung zu, die die Erreichbarkeit von Bildungseinrichtungen sicherstellen soll.
Leistungsvergleich und Rufbus-System ILSE
Ein direkter Leistungsvergleich mit anderen Landkreisen liegt der Verwaltung nicht vor, daher dient die Anzahl der Fahrplankilometer als Indikator. Im Jahr 2023 wurden im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte 9,824 Millionen Fahrplankilometer erbracht – deutlich mehr als in benachbarten Kreisen wie Ludwigslust-Parchim (7,049 Millionen) oder Vorpommern-Greifswald (7,554 Millionen).
Seit Mai 2024 ergänzt das flexible Rufbus-System „ILSE“ das Angebot landkreisweit. Insgesamt existieren rund 1619 Haltestellen mit 2776 Haltepositionen im sogenannten „sonstigen ÖPNV“. Alle Haltestellen werden montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr bedient, konkrete Statistiken zur Bedienhäufigkeit einzelner Haltepunkte liegen jedoch nicht vor.
Finanzielle Belastungen und Förderungsdefizite
Der ÖPNV stellt für den Landkreis seit Jahren ein Zuschussgeschäft dar. Während das Defizit 2021 noch bei vier Millionen Euro lag, stieg es bis 2024 auf über sieben Millionen Euro an. Für 2025 war eine Reduzierung auf etwa fünf Millionen Euro geplant, doch endgültige Zahlen liegen noch nicht vor.
Auffällig ist der deutliche Sprung in den Etatzahlen zwischen 2023 und 2024, der vor allem auf Ausgleichsleistungen für das Deutschlandticket zurückzuführen ist. Diese werden über die Landkreise an die Verkehrsunternehmen gezahlt und belasten die Haushaltsplanung erheblich.
Im Bereich alternativer Antriebe zeigt sich ein Förderungsdefizit: Seit 2020 erhält der Landkreis jährlich etwa 1,9 Millionen Euro aus dem Finanzausgleichsgesetz des Landes, die vollständig für barrierefreie Fahrzeuge und alternative Antriebe verwendet werden. Weitere Fördermittelanträge für Busse mit alternativen Antrieben scheiterten jedoch entweder am fehlenden Eigenanteil der MVVG oder an der Konkurrenz anderer Antragsteller.
Begrenzte Abendverbindungen aus Kostengründen
Besonders deutlich wird die finanzielle Schieflage bei der Frage nach späten Verbindungen. Der Nahverkehrsplan sieht werktags ein Angebot bis 18 Uhr vor, das durch einige Regiobuslinien und Stadtverkehre in Neustrelitz und Waren (Müritz) ergänzt wird. Die Landesförderung wäre zwar an einen Zielpfad bis 22 Uhr (werktags) bzw. 20 Uhr (sonn- und feiertags) geknüpft, doch diese Qualitätsstufe kann der Kreis derzeit aus Kostengründen nicht erreichen.
Eine Kalkulation aus dem Jahr 2024 beziffert die jährlichen Mehrkosten für eine Ausweitung des Rufbus-Angebots auf die geforderten Abendzeiten auf etwa 4,5 Millionen Euro. Für einen täglichen Betrieb bis 24 Uhr würden sogar rund sieben Millionen Euro pro Jahr anfallen. Ein hoher Anteil dieser Kosten entfiele auf reine Vorhaltekosten, was die Wirtschaftlichkeit solcher Erweiterungen infrage stellt.
Das Rufbus-System ILSE fährt derzeit montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, in einigen Gebieten auch am Wochenende von 9 bis 17 Uhr. Fahrten nach 20 Uhr finden nicht statt, obwohl alle Kommunen inzwischen an das System angeschlossen sind. Einzelne kleinere Ortsteile ohne feste Haltestelle könnten von dieser Regelung ausgenommen sein.
Die MVVG betreibt als kreiseigene Gesellschaft den Busverkehr in der Seenplatte und wird ab 2027 auch den Stadtverkehr in Neubrandenburg übernehmen. Bis Ende 2026 sichert die Stadt Neubrandenburg ihren Stadtverkehr noch in eigener Verantwortung, was eine zusätzliche organisatorische Herausforderung darstellt.



