Ausstellung in Demmin: Das verdrängte Schicksal der Vertriebenen in der DDR
Demmin: Ausstellung zeigt Schicksal der DDR-Vertriebenen

Demminer Ausstellung bricht das Schweigen über Vertriebene in der DDR

Im Demminer Rathaussaal ist ab sofort die bemerkenswerte Ausstellung „Stillgeschwiegen!“ zu sehen. Diese Präsentation des Zentrums gegen Vertreibungen rückt ein lange verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte in den Fokus: das Schicksal jener deutschen Vertriebenen, die infolge des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR gelangten.

Die größte erzwungene Bevölkerungsbewegung Europas

Bereits vor Kriegsende flohen etwa zwei Millionen Menschen in die spätere DDR. Als die Rote Armee im Oktober 1944 erstmals ostpreußischen Boden erreichte, begann die massenhafte Flucht der deutschen Zivilbevölkerung. Ab März 1945 folgte die sogenannte „wilde Vertreibung“ durch polnische und tschechische Kräfte.

Mit 12 bis 14 Millionen Betroffenen gilt die Vertreibung der Deutschen als die größte erzwungene Bevölkerungsbewegung der europäischen Geschichte. Dabei kamen weit über zwei Millionen Menschen ums Leben oder gelten bis heute als vermisst.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

DDR als Aufnahmegesellschaft von historischer Dimension

Bis 1950 mussten die SBZ und DDR insgesamt 4,3 Millionen Vertriebene aufnehmen. Bei einer Gesamtbevölkerung von 18 Millionen Menschen bedeutete dies, dass fast jeder vierte DDR-Bürger aus den ehemaligen Ostgebieten stammte. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik lag der Anteil der Vertriebenen bei lediglich 16 Prozent.

Das Zentrum gegen Vertreibungen bezeichnet die DDR daher als „eine der historisch am stärksten von Flucht- und Vertreibungsbewegungen betroffenen Gesellschaften weltweit“.

Mecklenburg-Vorpommern mit höchster Aufnahmequote

Innerhalb der DDR wies Mecklenburg-Vorpommern die mit Abstand höchste Aufnahmequote auf. Im November 1945 lebten dort 2,5 Millionen Menschen – davon waren 1,4 Millionen Vertriebene, was einem erstaunlichen Anteil von 56 Prozent entspricht. In manchen Gemeinden überstieg die Zahl der Neuankömmlinge sogar die der Alteingesessenen.

Die regionalen Unterschiede waren beträchtlich:

  • Sachsen-Anhalt: 26 Prozent Vertriebene
  • Thüringen und Brandenburg: jeweils 24 Prozent
  • Sachsen: 12 Prozent

Gestrandet in einer zerstörten Heimat

Die Ausstellung zeigt eindrücklich, wie die Vertriebenen in ihrer neuen Heimat ankamen – oft mit leeren Händen, ohne Besitz und manchmal sogar ohne alle Familienmitglieder. Sie trafen auf eine Region, in der auch die Alteingesessenen unter den Kriegsfolgen litten: zerstörte Häuser, Hunger und allgemeine Not prägten den Alltag.

Persönliche Geschichten und erzwungenes Schweigen

„Stillgeschwiegen!“ beleuchtet nicht nur die historischen Fakten, sondern auch die persönlichen Erfahrungen der Betroffenen. Die Ausstellung thematisiert:

  1. Die oft schwierige Aufnahme in den neuen Gemeinden
  2. Die Anpassung an die sozialistischen Gesellschaftsverhältnisse
  3. Das erzwungene Schweigen über Herkunft und Vertreibungserfahrungen

Besucher können die Ausstellung bis zum 10. April während der Öffnungszeiten des Demminer Rathauses besichtigen. Der Eintritt ist frei.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration