Lockerungen der Fangbeschränkungen für den Hering der westlichen Ostsee sind nach Einschätzung von Fischereiexperten nicht zu erwarten. Christopher Zimmermann, Leiter des Rostocker Thünen-Instituts für Ostseefischerei, hatte auf eine Neubewertung des Heringsbestands gehofft, die eine positivere Prognose für die Fischerei ermöglicht hätte. Doch das sei nicht gelungen, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Streit um Referenzpunkte
Hintergrund ist die Festlegung von Referenzpunkten, die bestimmen, wie viel Hering vorhanden sein müsste, damit der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) eine gezielte Fischerei wieder empfehlen kann. Forschungen des Thünen-Instituts zeigten, dass der Bestand unabhängig von der Fischerei nicht mehr so groß werden könne wie vor 30 Jahren. Spätere und wärmere Winter ließen Heringslarven früher schlüpfen, bevor es eine ausreichende Nahrungsgrundlage gebe.
Kritik am Referenzwert
Laut Zimmermann sei der als Maßstab angelegte Wert für den Heringsbestand zu hoch. „Stellen wir uns mal vor, wir würden die Fischerei tatsächlich auf Null fahren, dann könnte dieser Referenzpunkt trotzdem nicht erreicht werden. Und das zeigt für uns sehr deutlich, dass es ein unsinniger Referenzpunkt ist.“ Für die Fischer bedeute dies, dass die Empfehlung weiterhin auf Schließung der Fischerei laute, mit eher noch schlechterem Ausblick. Zimmermann persönlich glaubt, dass dies die falsche Entscheidung sei.
Hätte man den Referenzwert herabgesetzt, wäre der ICES nicht darum herumgekommen, für 2027 eine extrem niedrige Höchstfangmenge zu empfehlen, statt einer Schließung. „Dann hätte das natürlich auch gedauert, bis die wieder hochgegangen wäre“, so Zimmermann.
Auswirkungen auf die Fischer
Für die stillgelegten Schleppnetzkutter an Rügens Küste mache dies einen großen Unterschied. Die Eigner harrten schon seit Jahren aus. „Das ist teuer, so ein Schiff zu unterhalten“, gibt Zimmermann zu bedenken. „Aber wenn klar ist, es sind nicht 5 bis 7 Jahre, sondern eher 10 bis 15 Jahre, dann lohnt es sich nicht, darauf zu warten.“
Positive Trends und Hoffnungen
Nach den jüngsten Bestandsberechnungen gab es für den Hering der westlichen Ostsee einen leicht positiven Trend. Bei der Nachwuchsproduktion sei es in den zurückliegenden Jahren nicht weiter heruntergegangen, sondern eher etwas aufwärts. Die Experten hoffen für 2026 auf einen starken Jahrgang infolge des langen frostigen Winters, der der verführten Larvenentwicklung entgegengewirkt haben könnte. Zudem gebe es Anzeichen, dass die Norweger in diesem Sommer weniger Hering vor ihrer Küste in der Nordsee fangen wollen. Dorthin wandert zeitweise ein Teil des Ostsee-Bestands, wo zuletzt viel mehr abgefischt wurde als in der westlichen Ostsee.
Aktuelle Fischerei und EU-Entscheidungen
An der deutschen Ostseeküste ist die gezielte Heringsfischerei nicht gänzlich eingestellt, auch wenn der ICES dies für 2026 empfohlen hatte. Deutsche Fischer dürfen mit Kuttern unter zwölf Metern und passivem Fanggerät wie Stellnetzen kleine Mengen Hering fangen. Entsprechende Ausnahmen hatten die EU-Staaten vergangenen Oktober erneut beschlossen. Zimmermann hält sie für gerechtfertigt, um zumindest eine kleine Fischerei zu erhalten. Auf die Bestandsentwicklung hätten sie keine Auswirkung.
Auf Basis der jüngsten ICES-Empfehlungen wird die EU-Kommission eigene Vorschläge formulieren. Bei den jährlichen Beratungen der zuständigen EU-Minister im Oktober wird dann wieder über Maßgaben für die Fischerei auf Ostsee-Hering für das kommende Jahr entschieden. Im Dezember folgt die Entscheidung über Nordsee-Hering.
Anderes Bild in der Nordsee
Beim Nordsee-Hering geht es um ganz andere Größenordnungen. „Von diesem Nordsee-Herings-Bestand wird man nächstes Jahr 400.000 Tonnen fischen können“, schätzt Zimmermann. Das sei etwa das Hundertfache dessen, was zuletzt an Hering der westlichen Ostsee gefangen wurde, einschließlich der Fischerei in der östlichen Nordsee. Die ICES-Fangempfehlung liege für den Nordsee-Hering bei einer Steigerung um bis zu 21 Prozent für das kommende Jahr. Zwar produziere auch dieser Bestand weniger Nachwuchs als in der Vergangenheit, und die Biomasse werde weiter abnehmen, aber das sei zuletzt langsamer geschehen. Vor allem könnten die Quoten steigen, weil der Druck auf diesen Bestand durch die Fischerei niedrig genug sei. In den Jahren zuvor sah dies anders aus, was niedrigere Quoten zur Folge hatte.



