IHK-Präsidenten kritisieren Landesregierung scharf: „Die Leute lachen uns ja aus“
IHK-Präsidenten kritisieren Landesregierung scharf

Wirtschaftsführer stellen Landesregierung mäßiges Zeugnis aus

Sechs Monate vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern haben die Präsidenten der Industrie- und Handelskammern Schwerin und Rostock, Matthias Belke und Klaus-Jürgen Strupp, der Landesregierung ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Nordkurier äußerten die Wirtschaftsvertreter klare Forderungen für die Zukunft des Bundeslandes und kritisierten zahlreiche Versäumnisse der aktuellen Politik.

Energieversorgung und Infrastruktur im Fokus

Besonders deutlich wird die Kritik beim Thema Energieversorgung. Die IHK-Chefs fordern deutlich mehr Tempo beim Ausbau der Stromnetze, die Windenergie abführen sollen. Zudem plädieren sie für eine gezielte Ansiedlung energieintensiver Unternehmen und eine Stärkung des Rostocker Hafens als Energiehafen. „Mecklenburg-Vorpommern braucht eine strategische Ausrichtung für die nächsten fünf Jahre“, betont Matthias Belke. Sein Kollege Klaus-Jürgen Strupp ergänzt scharf: „Es gibt keine Strategie des Landes.“

Beide Wirtschaftsführer schließen dabei auch die Nutzung von Atomkraft nicht aus und fordern Lösungen mit Grundlastfähigkeit, die dauerhaft Energie liefern, wenn Wind oder Sonne nicht zur Verfügung stehen. Das Land könnte sich ihrer Ansicht nach als Vorreiter bei Energien positionieren und so unabhängiger von Krisen werden.

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Industrieansiedlung als größte Herausforderung

Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die industrielle Entwicklung Mecklenburg-Vorpommerns. „Das ist auch nach 36 Jahren in MV die größte Herausforderung“, stellt Matthias Belke klar. Klaus-Jürgen Strupp präzisiert: „Wir haben nach wie vor den geringsten Anteil an Industriearbeitsplätzen.“ Das Bruttoinlandsprodukt des Bundeslandes liege nur bei 1,4 Prozent des deutschen Gesamtvolumens – ein Wert, der nach Ansicht der Wirtschaftsvertreter viel zu niedrig ist.

Die IHK-Präsidenten fordern von der Landesregierung mehr Flächen für Ansiedlungen und eine realistischere Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. „Die Leute lachen uns ja aus“, so Belke pointiert. „Weil wir nix haben. Wir brauchen Realismus.“ Neben Neuansiedlungen müssten auch bestehende Unternehmen besser gefördert werden, wobei Strupp exemplarisch Kranbauer Liebherr in Rostock und Metallexperte Ostseestaal in Stralsund nennt.

Verkehrsprojekte und Bürokratieabbau

Beim Thema Verkehr kritisieren die Wirtschaftsvertreter die schleppende Umsetzung wichtiger Projekte. Zwar begrüßen sie, dass ab Mai Züge nach Hamburg auch mit Regionaltickets nutzbar sein werden und das Land dafür zahlt. Doch das Thema Früh-ICE Schwerin-Hamburg sei bereits seit dem Frühsommer 2025 bekannt gewesen, und erst im Januar habe sich Ministerpräsidentin Manuela Schwesig eingeschaltet. „Es hat alles viel zu lange gedauert“, moniert Belke.

Ein weiteres wichtiges Verkehrsprojekt ist die Vorpommern-Magistrale, eine schnelle Zugverbindung von Berlin bis Rügen. „Wie lange haben wir darüber mit der Politik gesprochen?“, fragt Strupp rhetorisch. „Jetzt wird es irgendwie in die Planung gegeben.“

Kritik üben die IHK-Chefs auch an der schleppenden Digitalisierung, zu langen Verwaltungsprozessen und ineffizientem Personal im öffentlichen Dienst. „Darüber reden wir seit Jahrzehnten“, so Strupp. „Wenn wir bauen und entwickeln wollen, brauchen wir kürzere Wege.“ Auch der Wohnungsbau müsse landesweit beschleunigt werden.

Soziale Rahmenbedingungen und Fachkräftesicherung

Die Wirtschaftsführer betonen, dass neben rein wirtschaftlichen Themen auch soziale Rahmenbedingungen verbessert werden müssen. Die Politik müsse dafür sorgen, dass Migranten schneller in Arbeit kommen und junge Familien mit Wohnungen und gut bezahlten Arbeitsplätzen gelockt werden. „Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen, auch für Familien“, stellt Matthias Belke klar. „Das bedeutet viel mehr als ein gebührenfreier Kita-Platz.“ Diese Aussage wird als deutlicher Seitenhieb in Richtung der SPD von Ministerpräsidentin Schwesig gewertet.

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Im Tourismusbereich plädiert Klaus-Jürgen Strupp für Qualität statt Quantität: „Ich glaube, dass wir mit Klasse statt Masse gewinnen werden.“ Dazu müsse die Regierung Infrastruktur und Verkehr als Gesamtthema betrachten und bezahlbaren Wohnraum für Beschäftigte schaffen. „Wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau“, fordert Strupp. Zudem sei eine gezieltere Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland notwendig.

Die Universitäten und Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern seien zwar gut aufgestellt, etwa in der Anbindung an Gesundheits- oder maritime Wirtschaft. Doch es brauche von der Politik Konzepte zum Halten von Absolventen und zur Verbesserung der Bildungsbedingungen. Nur so könne das Bundesland seine wirtschaftliche Position nachhaltig stärken und endlich aus dem Schlusslicht-Dasein herausfinden.