Zwischen Japans heißen Quellen und Neubrandenburgs Tollensesee: Eine doppelte Wahlheimat
Japans heiße Quellen und Neubrandenburgs Tollensesee

Von Japan nach Mecklenburg: Eine Frau verbindet zwei Welten

In den kalten Wintertagen in Neubrandenburg denkt Anne-Marie Stark besonders gern an die Onsen zurück – die heißen Quellen Japans, in denen man baden kann. „Die wärmen für den ganzen Tag“, erzählt sie mit einem Lächeln. Doch ihre Verbindung zu dem fernöstlichen Land reicht weit tiefer als nur zu den Thermalbädern. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Japan ist die junge Frau in ihre Wahlheimat Neubrandenburg zurückgekehrt und sucht nun vielfältige Wege, ihre Leidenschaft und ihr umfangreiches Wissen weiterzugeben.

Kind der 90er: Von Pokémon zur professionellen Japan-Kennerin

Als Kind der 90er Jahre wuchs Anne-Marie Stark quasi mit japanischer Populärkultur auf: Pokémon, Manga, Anime und Videospiele prägten ihre Jugend. Was für viele nur ein vorübergehender Trend blieb, eröffnete ihr jedoch komplett neue Welten. Besonders faszinierten sie der Klang der Sprache und die geheimnisvollen Schriftzeichen, die sie unbedingt erlernen wollte. Intensiver Unterricht bei einer Muttersprachlerin nährte ihren Wunsch, tiefer in die japanische Kultur einzudringen. Nach einem Austausch-Schuljahr in Japan stand ihr Berufsziel fest: Sie wollte Japanologie und Politikwissenschaft studieren.

Berufliche Station in Tottori: Internationaler Austausch im ländlichen Japan

Während ihres Studiums lebte Anne-Marie Stark erneut eine Zeitlang in Japan – und durfte sogar bei ihrer ehemaligen Gastfamilie wohnen, bei der sie sich sofort wieder zu Hause fühlte. Diese „zweite Heimat“ unterschied sich fundamental von touristischen Aufenthalten, denn hier fehlte der Druck, das Land in nur zwei Wochen komplett kennenlernen zu müssen. Ihre Eindrücke wurzelten deutlich tiefer, als es Urlaubsreisen je ermöglicht hätten.

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Bei einem dreijährigen beruflichen Aufenthalt lernte sie dann die größten Sanddünen Japans und die laut ironischer Eigenwerbung „einzige Präfektur ohne Starbucks-Filiale“ kennen: Tottori im Südwesten der Hauptinsel Honshu. Hier arbeitete sie im Rahmen des begehrten JET-Programms (Japanese Exchange and Teaching), das gut ausgebildete Menschen in ländliche Gebiete bringt und Internationalität fördert. Unter Hunderten Bewerbern wurde Anne-Marie Stark ausgewählt und kümmerte sich als Koordinatorin für Internationale Beziehungen um Städtepartnerschaften, Dolmetscheraufgaben und kulturellen Austausch.

Parallelen zwischen Tottori und Mecklenburg

Interessanterweise entdeckte sie zahlreiche Parallelen zwischen Tottori und ihrer mecklenburgischen Heimat:

  • Beide Regionen kämpfen mit Abwanderung und versuchen, junge Leute zu gewinnen
  • Die Verkehrsanbindung ist in beiden Gebieten überschaubar
  • Landwirtschaft prägt die Wirtschaftsstruktur
  • Beide haben mit sozialen Herausforderungen zu kämpfen

Während ihrer Zeit in Tottori beschloss sie bereits: Wenn sie nach Deutschland zurückkehrt, dann geht es nach Neubrandenburg.

Rückkehr nach Neubrandenburg: Sozialpädagogik und „Neubrandenburg-Sehnsucht“

In den Jahren zuvor hatte Anne-Marie Stark in Neubrandenburg Sozialpädagogik studiert, weil ihr „noch nach etwas Anderem“ der Sinn stand und ihr gesellschaftliches Engagement seit jeher wichtig war. „Ich war begeistert davon, was hier geboten wurde und wie breit die Hochschule aufgestellt ist“, erinnert sie sich. Beim regionalhistorischen Projekt „Zeitlupe“ fasste sie beruflich Fuß, und die Wallanlagen entlang der historischen Stadtmauer sowie der malerische Tollensesee lösten regelrechte „Neubrandenburg-Sehnsucht“ in ihr aus.

Sprachkurse an der Volkshochschule: Mehr als nur Vokabeln lernen

Heute hat die 34-Jährige „Begegnung und Sprache“ zu ihrem Leitmotiv gemacht. In ihrem Japanisch-Kurs an der Volkshochschule möchte sie nicht nur Grammatik und Vokabeln vermitteln, sondern ein echtes Gespür für Japan. „Ich möchte ein Gespür für Japan vermitteln“, betont sie. Viele Menschen seien unsicher, wenn sie das erste Mal nach Japan reisen und fürchten, in kulturelle Fettnäpfchen zu treten.

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Ihre Beobachtung: Deutsche seien oft „sehr ungeduldig in der Kommunikation“. In Japan dagegen sagt man Dinge nicht so direkt, sondern versucht auszuloten, was jeder wirklich will. Ihr Rat an angehende Japan-Reisende: „Ein bisschen abwarten, beobachten, sich einfügen, damit es nicht so ankommt, dass man Bestimmer sein wolle.“

Teilnehmer aus der ganzen Region und Pläne für die Zukunft

Die Teilnehmer ihres aktuellen Kurses kommen nicht nur aus Neubrandenburg, sondern auch aus Altentreptow und sogar Greifswald. Die Motivationen sind vielfältig: Einige interessieren sich für die Sprache an sich, andere für Anime, Manga und Spiele im Originalton, wieder andere bereiten sich auf eine Reise oder ein Austauschjahr vor.

Auch in Waren bietet Anne-Marie Stark Sprachkurse an. Darüber hinaus sammelt sie Ideen, um die Städtepartnerschaft zwischen der Müritz-Stadt und dem japanischen Rokkasho zu beleben. Sie möchte zudem in der Region lebende Japaner erreichen und Kontakte zu Muttersprachlern aufbauen, denn an der Sprachpraxis gilt es dranzubleiben – mit japanischen Zeitungen, Büchern, Podcasts und Musik.

Baldige Rückkehr nach Japan und bleibende Verbindungen

Bald wird Anne-Marie Stark wieder nach Japan reisen. Neben den heiß geliebten Onsen freut sie sich auf richtig frischen selbstgemachten Tofu, das frische Gemüse und Obst – und vor allem auf die Freude, wieder von der japanischen Sprache umgeben zu sein. Doch egal, wo sie sich aufhält: Neubrandenburg bleibt ihre Wahlheimat, und Japan ihre zweite Heimat – zwei Welten, die sie durch Sprache und kulturellen Austausch auf einzigartige Weise verbindet.