Psychotherapeutin aus Schwerin protestiert gegen Honorarkürzungen: „Das bringt uns an unser Limit“
Psychotherapeutin protestiert gegen Honorarkürzungen in MV

Psychotherapeutin aus Schwerin schließt Praxis für Proteste gegen Honorarkürzungen

Wenn am 15. April 2026 ein bundesweiter Protestzug durch Berlin zieht, um gegen die Kürzung der Psychotherapeutenhonorare zu demonstrieren, wird Melanie Backhaus-Kufahl aus Schwerin mit dabei sein. Die approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin schließt dafür ihre Praxis – eine schwierige Entscheidung angesichts der dringenden Bedürfnisse ihrer Patienten.

Zu wenige Therapeuten für immer mehr Hilfesuchende

Melanie Backhaus-Kufahl ist eine von nur vier auf junge Patienten spezialisierten Therapeuten in der Landeshauptstadt Schwerin. „Das sind, auch unter Einbeziehung des Umlands, viel zu wenige“, erklärt sie. Seit dem 1. April 2026 wurden die Honorare für Psychotherapeuten um 4,5 Prozent gekürzt – eine Maßnahme, die auf Betreiben des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfolgte.

Die Situation könnte sich weiter verschärfen, denn die Finanzkommission Gesundheit plant weitere Kürzungen bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen. „Die Abwertung der Honorare steht in krassem Widerspruch zur aktuellen psychotherapeutischen Versorgungssituation“, betont Backhaus-Kufahl. Die Zahl der Hilfesuchenden steige kontinuierlich, in vielen Regionen Deutschlands müsse man monatelang auf einen Therapieplatz warten – auch in Mecklenburg-Vorpommern.

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Wartelisten geschlossen, 40 neue Anfragen im März

Die Schweriner Therapeutin musste bereits die Warteliste für ihre Praxis schließen. „Es hilft keinem Patienten, monatelang auf einer Liste zu stehen, ohne dass es vorangeht“, erklärt sie. Allein im März 2026 habe sie 40 neue Anfragen erhalten. Einige Kinder und Jugendliche könne sie über den psychosozialen Stammtisch in Schwerin weitervermitteln, doch wenn sich kein anderer Kollege finde, bleibe oft nur die stationäre Einweisung als letzter Weg.

Seit einer Rechtsänderung im Jahr 2017 müssen Psychotherapeuten feste Telefonzeiten, Sprechstunden und Akutbehandlungen anbieten. „Aber das bringt uns nur noch weiter an unser Limit“, so Backhaus-Kufahl. In den meisten Fällen schließe sich eine einjährige Langzeittherapie an, für die jedoch wegen veralteter Bedarfsplanung die Kapazitäten fehlten.

Wirtschaftlicher Druck: 4.000 Euro monatliche Fixkosten

Die wirtschaftliche Belastung für Psychotherapeuten ist bereits jetzt enorm. Melanie Backhaus-Kufahl nennt konkrete Zahlen: 4.000 Euro muss sie monatlich allein für die Aufrechterhaltung des Praxisbetriebs erwirtschaften. Diese Summe deckt:

  • Miete und Energiekosten
  • Persönliche Absicherung
  • Gesetzlich vorgeschriebene Weiterbildungen
  • Vertretungskosten bei Krankheit oder Urlaub
  • Supervision, besonders nach Arbeit mit Missbrauchs- und Gewaltopfern

Als Einzelkämpferin muss sie zusätzlich in ihrer Arbeitszeit Terminmanagement, E-Mails, Abrechnungen sowie unbezahlte Gespräche mit Jugendämtern, Schulen und anderen Behandlern bewältigen.

Argumentation der Krankenkassen wird kritisiert

Die Argumentation des GKV-Spitzenverbandes, Psychotherapeutenhonorare seien seit 2013 um 52 Prozent gestiegen – im Vergleich zu 33 Prozent bei anderen Facharztgruppen – hält Backhaus-Kufahl für irreführend. „Das Ausgangsniveau unserer Berufsgruppe war strukturell niedriger“, erklärt sie. Ein erheblicher Teil des Zuwachses bestehe aus Strukturzuschlägen aufgrund von Bundessozialgerichts-Entscheidungen zur Sicherstellung einer Mindestvergütung.

Appell an die Politik

Ende März 2026 schrieb Melanie Backhaus-Kufahl an Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) und bat um politischen Einsatz für die Rücknahme der Honorarkürzung. Da bisher keine Antwort erfolgte, setzt die Schweriner Therapeutin nun selbst politischen Druck – durch ihre Teilnahme an den Protesten in Berlin.

„Die geplanten Kürzungen werden die Versorgungssituation psychisch kranker Menschen weiter verschärfen“, warnt Backhaus-Kufahl. In einer Zeit, in der immer mehr Kinder, Jugendliche und Erwachsene psychotherapeutische Hilfe benötigten, sei diese Entwicklung besonders besorgniserregend.

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