Rostock stemmt alleinige Finanzierung der einzigen Sexarbeits-Beratungsstelle in Mecklenburg-Vorpommern
Rostock finanziert alleinige Sexarbeits-Beratungsstelle in MV

Rostock trägt alleinige Verantwortung für Sexarbeits-Beratung in Mecklenburg-Vorpommern

In der Hansestadt Rostock befindet sich die einzige Beratungsstelle für Menschen in der Sexarbeit in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Die Einrichtung mit dem Namen SeLA (Selbstbestimmt Leben und Arbeiten) wird aktuell ausschließlich aus städtischen Mitteln finanziert, obwohl sie als Ankerpunkt für Prostituierte aus dem gesamten Bundesland und sogar darüber hinaus dient.

Zwei Teilzeitkräfte stemmen umfassendes Beratungsangebot

Die Beratungsstelle wird von lediglich zwei Beraterinnen in Teilzeit betrieben, die ein breites Spektrum an Unterstützungsleistungen anbieten. Dazu gehören die Organisation gynäkologischer Sprechstunden, umfassende Präventionsarbeit, regelmäßige Besuche in sogenannten Modellwohnungen sowie Beratung in juristischen, gewerblichen und persönlichen Fragen. Diese vielseitige Unterstützung ist in ganz Mecklenburg-Vorpommern einzigartig und wird dennoch nicht durch Landesmittel gefördert.

Komplexe rechtliche Rahmenbedingungen erschweren die Arbeit

Seit der Einführung des Prostituiertenschutzgesetzes im Jahr 2017 sind Menschen in der Sexarbeit verpflichtet, sich behördlich anzumelden, stets einen sogenannten "Huren-Ausweis" bei sich zu führen und regelmäßige Gesundheitsberatungen nachzuweisen. Teresa Dalm, Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (LAGuS), informiert: "Seit der Einführung des Gesetzes haben sich Personen aus 28 Ländern angemeldet. Der Großteil ist weiblich, zwischen 26 und 35 Jahre alt." Die Hauptherkunftsländer sind Ungarn, Rumänien, Deutschland, Bulgarien und Polen.

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Nadine Herrmann von SeLA ergänzt: "Viele Männer bieten ihre Dienste über Grindr oder andere Portale an und definieren ihre Tätigkeit gar nicht als Prostitution." Diese unterschiedlichen Selbstdefinitionen und Arbeitsweisen erschweren eine genaue Erfassung der tatsächlichen Zahlen.

Schwierige Datenerhebung und regionale Besonderheiten

Das Landesamt für Gesundheit und Soziales verzeichnet aktuell 210 Anmeldungen für ganz Mecklenburg-Vorpommern. Die Beraterinnen von SeLA schätzen hingegen, dass sich zurzeit etwa 250 Menschen allein in Rostock in der Sexarbeit befinden. Ulrich Kunze, Sprecher der Hansestadt Rostock, erklärt: "Vielmehr reisen die Prostituierten in der Regel im wöchentlichen Wechsel von Stadt zu Stadt. Und das deutschlandweit." Diese Mobilität macht genaue regionale Zahlen nahezu unmöglich.

In Mecklenburg-Vorpommern gelten besondere Regelungen:

  • Prostitution ist in Gemeinden mit weniger als 15.000 Einwohnern grundsätzlich verboten
  • Zusätzliche örtliche Verbote existieren in Städten wie Ribnitz-Damgarten und Stralsund
  • Das LAGuS ist nicht für das Prostitutionsgewerbe zuständig, sondern übernimmt spezifische Aufgaben nach dem Prostituiertenschutzgesetz
  • Für weitere Regelungen und die Überwachung sind die jeweiligen Oberbürgermeister und Landräte verantwortlich

Finanzielle Herausforderungen und fehlende Unterstützung

Für das Jahr 2025 wurden für die zwei Teilzeitkräfte von SeLA und die Sachkosten insgesamt 115.100 Euro ausgezahlt. Ulrich Kunze informiert: "Es wurde für die Jahre 2026/2027 eine geringfügige Erhöhung eingeplant, welche die gestiegenen Kosten aber vermutlich nicht abdecken kann." Die Beraterinnen empfinden die Situation als ungerecht: Andere Kommunen würden sich "völlig aus der Affäre ziehen", während das Land die Last auf die Stadt Rostock abwälze.

Praktische Unterstützung vor Ort

Sandra Kamitz beschreibt die praktische Arbeit: "Wir klingeln an den Türen der Modellwohnungen, sagen Hallo, verteilen Kondome, Gleitgel und unsere Visitenkarten." Ziel sei es, neben der Büroberatung auch präsent zu sein. Viele der Sexarbeiterinnen sprächen wenig Deutsch und hätten große Hemmungen im Kontakt mit Behörden. "Aber ohne Anmeldung wird es teuer und irgendwann auch sogar zur Strafsache", warnt Kamitz.

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Da viele Sexarbeiterinnen keinen festen Wohnsitz haben, nutzt SeLA das eigene Büro als Zustellanschrift für Behördenbriefe. Zudem kooperiert die Beratungsstelle mit zwei Rostocker Ärztinnen, die alle zwei Wochen nach Feierabend ihre Praxen auf Honorarbasis für die Klientinnen öffnen – anonym und kostenfrei. Diese medizinische Versorgung ist besonders wichtig, da viele der Frauen nicht oder nicht in Deutschland krankenversichert sind.

Die Situation in Rostock zeigt deutlich, wie kommunale Einrichtungen Lücken im bundesweiten Prostituiertenschutz schließen müssen, während übergeordnete Ebenen sich zurückhalten. Die ausschließliche Finanzierung durch die Stadt stellt dabei eine erhebliche finanzielle Belastung dar, die langfristig kaum tragbar erscheint.