Närrische Traditionen im hohen Norden: Rostocks Karnevalsgeschichte
Wer annimmt, dass Karneval ausschließlich eine süddeutsche Erfindung sei, unterliegt einem gewaltigen Irrtum. Die Hansestadt Rostock blickt auf eine reiche und tief verwurzelte Karnevalstradition zurück, die trotz historischer Widerstände nie ganz erloschen ist. Joachim Wolber, Pressesprecher des Rostocker Karneval Clubs (RKC), betont: „Gefeiert wurde immer!“
Historische Wurzeln und reformatorische Herausforderungen
Die Ursprünge des närrischen Treibens reichen laut Recherchen der Karnevalsenthusiasten über 4000 Jahre zurück. Babylonische Inschriften bezeigen bereits Feste, bei denen soziale Hierarchien aufgehoben wurden und Versklavte sowie Herrschende als gleichgestellt galten. Diese Traditionen verbreiteten sich über Ägypten, Griechenland und das Römische Reich bis in den Norden Europas.
Doch im 16. Jahrhundert kam es zu einer entscheidenden Zäsur: Martin Luther und der Protestantismus verteufelten das ausgelassene Spektakel. Der Reformator vermutete in der Zügellosigkeit eine Gefahr für das Seelenheil der Menschen. In der Folge wurde der Karneval in vielen protestantischen Gemeinden Norddeutschlands verboten. „Gefeiert wurde aber auch in dieser Zeit, nur eben anders“, erklärt Wolber die Anpassungsfähigkeit der Tradition.
Regionaler Faslam und moderne Wiederbelebung
In Mecklenburg und Vorpommern entwickelte sich der sogenannte „Faslam“ als regionale Ausprägung. Knechte und Mägde zogen mit Spottgesängen und Tänzen von Hof zu Hof, wo sie mit Speisen und Getränken belohnt wurden. Diese winterlichen Austreibungsrituale mit Masken, Lärm und Umzügen hatten sich bereits bei Kelten und Germanen entwickelt.
Die eigentliche Wiederbelebung des organisierten Karnevals in Rostock erfolgte 1990 mit der Gründung des Rostocker Karneval Clubs (RKC). Die Tanzgruppe des frisch gegründeten Vereins trat sogar im Ostseestadion auf. Kristin Wolber, Präsidentin des RKC und Gründungsmitglied, erinnert sich: „Es gab auch schon zu DDR-Zeiten Karneval.“ Allerdings wurde dieser eher unter dem Namen „Fasching“ zelebriert, wobei es inhaltlich kaum Unterschiede gab.
Gleichheitsprinzip und aktuelle Entwicklungen
Ein zentrales Merkmal des Karnevals ist das Gleichheitsprinzip. „Beim Karneval sind plötzlich einfach alle gleich“, betont Joachim Wolber. „Oder ihre Rollen sind einmal auf den Kopf gestellt.“ Dieses charakteristische Element lässt sich durch alle Epochen der Karnevalsgeschichte verfolgen.
Der Rostocker Karneval beginnt traditionell am 11. November um 11.11 Uhr im Rathaus. Der Höhepunkt der Saison liegt Ende Januar bis Anfang Februar, wenn der Verein sein komplettes Programm präsentiert. Besonderer Stolz gilt den verschiedenen Tanzgruppen, den engagierten Mitgliedern und dem Kinderfasching, der mittlerweile zum festen Bestandteil geworden ist.
Ein großer Traum vieler Rostocker Karnevalisten bleibt ein richtiger, großer Umzug durch die Stadt. Bis dahin pflegt der RKC die närrischen Traditionen und beweist, dass Karneval nicht nur im Süden, sondern auch im Norden Deutschlands eine lebendige und historisch tief verwurzelte Kulturform darstellt.



