Cornelia Pieper: Zukunftszentrum Halle braucht Vision für Europa
Pieper: Zukunftszentrum Halle braucht europäische Vision

Diplomatie in Zeiten globaler Konflikte: Cornelia Pieper im Gespräch

Die ehemalige Staatsministerin und FDP-Bundesvize Cornelia Pieper setzt in einer von Krisen geprägten Welt auf die Kraft der Diplomatie. Im Interview mit MZ.de spricht die 67-Jährige über ihre Überzeugungen, die aktuellen Herausforderungen und die Bedeutung des geplanten Zukunftszentrums in Halle.

Die Stärke des Rechts gegen das Recht des Stärkeren

Cornelia Pieper betont, dass Diplomatie heute wichtiger sei denn je. „Ich habe Diplomatie mal von Hans-Dietrich Genscher gelernt“, erklärt sie. Für den früheren Außenminister habe stets die Stärke des Rechts im Vordergrund gestanden, nicht das Recht des Stärkeren. Diese Orientierung am Völkerrecht bilde das Grundgerüst der Europäischen Union und sei eine zentrale Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die Globalisierung habe weltweit zahlreiche Spannungen erzeugt, so Pieper. Die Aufgabe der Diplomatie bestehe darin, diese Spannungen abzubauen und Krisen zu entschärfen. Frieden könne nur gewonnen werden, wenn die Souveränität aller Völker und ihrer Ethnien respektiert werde.

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Ukraine-Krieg: Gescheiterter Ansatz und europäische Solidarität

Bezüglich des Ukraine-Krieges äußert Pieper klare Worte: „Ich halte den Ansatz ‚Wandel durch Handel‘ gerade mit Bezug auf Russland für gescheitert.“ Russland stelle nicht nur eine Bedrohung für die Unabhängigkeit der Ukraine dar, sondern für ganz Europa. Sie bedauert, dass die Ukraine nicht früher enger an die Europäische Union gebunden wurde, zumal der Ruf danach bereits früh aus der ukrainischen Opposition gekommen sei.

Aus ihrer langjährigen Erfahrung als Generalkonsulin in Danzig berichtet Pieper von der enormen Solidarität Polens. Das Land gebe fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Sicherheit und Rüstung aus und unterstütze massiv ukrainische Flüchtlinge. Allein in Danzig lebten nun 100.000 Menschen mehr als zuvor. „Polen ist auch für uns Deutsche, für Europa ein wichtiger Partner, wenn es um unsere Sicherheit geht“, unterstreicht sie.

Das Zukunftszentrum in Halle: Mehr als nur Beton

Als Vorsitzende der Genscher-Stiftung organisiert Pieper den „Diplomatischen Salon“ in Halle, bei dem Außenminister Johann Wadephul mit Bürgerinnen und Bürgern diskutiert. Die Wahl des Ortes begründet sie mit der Verbindung zu Hans-Dietrich Genscher, der in Halle geboren wurde. Nächstes Jahr werde sein 100. Geburtstag begangen, dieses Jahr jähre sich sein zehnter Todestag.

Halle wird zudem Standort des Zukunftszentrums Deutsche Einheit und Europäische Transformation. Pieper, die selbst Mitglied der Standortjury war, betont: „Das Zukunftszentrum muss man nicht nur mit Beton aufbauen. Man braucht auch eine Vision, eine Zukunftskonzeption.“ Es handle sich um eine Bundesinvestition von 277 Millionen Euro, die eine Begegnungsstätte insbesondere für die Zivilgesellschaft schaffen solle.

Eine Brücke zu Osteuropa

Für Pieper sollte das Zentrum nicht nur die geschichtliche Betrachtung der Deutschen Einheit in den Fokus nehmen, sondern einen aktiven Beitrag zur Zukunft Europas leisten. „Halle sollte dabei insbesondere eine Brücke zu Osteuropa werden“, so ihre Vorstellung. Derzeit fehle ihr jedoch die notwendige Debatte über diese Zukunftskonzepte, auch wenn der Bau erst begonnen habe.

Es gelte, die Leidenschaft der Menschen für dieses Projekt zu wecken – eine Aufgabe, die nicht allein mit Geld zu bewältigen sei. Mit einem Augenzwinkern fügt sie hinzu: „Ich würde mir übrigens wünschen, dass wir auch ein paar polnische Firmen bei der Ausschreibung gewinnen, die bauen schneller und haben tolle Fachkräfte.“

Der „Diplomatische Salon“ mit Außenminister Johann Wadephul findet am Montag, den 23. März, in der Leopoldina in Halle statt und steht unter dem Thema „Diplomatie in Krisenzeiten“.

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