Geheimer Gleiter im Dachboden: Der kühne Fluchtplan von Schloss Colditz
Fast 300 Fluchtversuche, 32 erfolgreiche Fluchten und ein legendärer Tunnel – das ist die beeindruckende Bilanz des Kriegsgefangenenlagers auf Schloss Colditz in Sachsen. Doch der kühnste Plan blieb bis zur Befreiung im April 1945 vollständig verborgen: Ein heimlich gebautes Segelflugzeug, das alliierte Offiziere aus deutscher Kriegsgefangenschaft befreien sollte.
Die Entstehung des Colditz-Gleiters
Der sogenannte Colditz Glider war ein ausgeklügelter Fluchtplan, der von den britischen Piloten Jack Best und Bill Goldfinch entwickelt wurde. Die ursprüngliche Idee stammte von Tony Rolt, einem bekannten britischen Automobilrennfahrer und späteren Formel-1-Piloten, sowie David Walker. In einem verborgenen Teil des Dachbodens der Schlosskapelle, abgeschirmt durch eine getarnte Zwischenwand, entstand der Zweisitzer.
Die Wachen suchten vor allem nach Fluchttunneln, wodurch die geheime Werkstatt unter dem Dach unentdeckt blieb. Die Gefangenen sicherten ihr Projekt zusätzlich mit Beobachtern und einem elektrischen Warnsystem ab. Die Konstruktion bestand aus gestohlenen Holzstücken, Dielen und Lattenrosten. Elektrische Leitungen aus ungenutzten Bereichen des Schlosses dienten als Steuerseile.
Improvisierte Materialien und geniale Konstruktion
Für die Bespannung nutzten die Männer blauweiß karierte Baumwoll-Bettbezüge, deren Poren mit gekochter Hirse aus den Essensrationen versiegelt wurden. Das Flugzeug brachte leer 109 Kilogramm auf die Waage und hatte eine Spannweite von 9,75 Metern. Der Gleiter sollte erst unmittelbar vor der Flucht montiert werden.
Vom Dach der Schlosskapelle aus sollte er über eine Rampe aus Tischen anlaufen. Die nötige Startgeschwindigkeit von etwa 50 Stundenkilometern sollte ein Seilzug liefern, angetrieben von einer schwer beladenen Metallbadewanne, die außen am Gebäude in die Tiefe stürzen sollte. Geplant war, die Zwickauer Mulde zu überqueren und auf einer rund 60 Meter tiefer gelegenen Wiese zu landen.
Warum der Plan nie umgesetzt wurde
Der Segler war als Notlösung für den Extremfall vorgesehen, etwa bei einer Übernahme des Lagers durch die SS. Dazu kam es nicht mehr: Im April 1945 befreiten US-Truppen das Lager, erst danach wurde das Flugzeug erstmals vollständig montiert und fotografisch dokumentiert.
Weitere spektakuläre Fluchtversuche in Colditz
Neben dem Segelflieger gab es zahlreiche andere Fluchtversuche:
- Ein über neun Monate gegrabener Tunnel vom Glockenturm aus, der 1940 stattfand. Die Männer lasen den Kompass falsch und landeten statt außerhalb des Lagers im Weinkeller des Kommandanten. Der Vorfall ging in die Lagergeschichte ein, weil dort 137 Flaschen Wein ausgetrunken und mit Urin wieder aufgefüllt worden sein sollen.
- Ein weiterer Versuch, bei dem Gefangene einen Wäschereitransport nachahmten, in die Rollen deutscher Offiziere und polnischer Ordonnanzen schlüpften und Wäsche aus dem Schloss trugen. Zwei von ihnen erreichten die Schweiz, vier wurden wieder gefasst.
- Der französische Leutnant Boulé, der als Frau verkleidet entkommen wollte. Das Vorhaben scheiterte, nachdem er während des Ablaufs seine Armbanduhr verlor und ein Wachmann der vermeintlichen Frau folgte.
Nachkriegsrezeption und museale Aufarbeitung
Nach dem Krieg wurde Colditz in Großbritannien vielfach aufgegriffen. In England gibt es ein Brettspiel mit der Bezeichnung Escape from Colditz, das die Flucht alliierter Offiziere aus dem Lager nachstellt. Auch in Computerspielen wurde das Thema verarbeitet: Die neunte Mission im PC-Strategiespiel Commandos 2: Men of Courage führt den Spieler nach Schloss Colditz.
Im Jahr 2000 wurde für eine TV-Dokumentation ein Nachbau des Segelflugzeugs erstellt. Unter den Augen der Veteranen Jack Best und Bill Goldfinch flog die Replik beim ersten Startversuch erfolgreich. Heute ist sie im Imperial War Museum in London zu sehen. Im Museum des Schlosses Colditz wird die Geschichte der Fluchten und Fluchtversuche mit zahlreichen Exponaten dokumentiert, darunter auch der Plan des heimlich gebauten Segelfliegers.



