NBA-Finale: Jalen Brunson verzichtete auf 113 Millionen Dollar für den Titel
NBA-Finale: Brunsons Millionenverzicht für den Titel

Basketballprofi Jalen Brunson wird von der ganzen Stadt New York gefeiert. Fast jeder Spieler träumt vom Reichtum per NBA-Vertrag. Doch Brunson verzichtete auf ein Vermögen, um zu gewinnen. Nun scheint seine Rechnung aufzugehen.

Die Verhandlungsposition von Jalen Brunson

Seine Verhandlungsposition hätte nicht besser sein können: 28,7 Punkte pro Spiel, Auszeichnung zum All-Star, fraglos einer der zehn besten Basketballspieler der Welt. Hätte Jalen Brunson gewollt, hätten die New York Knicks ihm alles gegeben, was nach den Regeln der National Basketball Association erlaubt war: 269 Millionen Dollar für einen Fünfjahresvertrag.

Doch Brunson entschied sich anders. Am 12. Juli 2024 unterschrieb er einen Vierjahresvertrag für 156,5 Millionen Dollar. „Das ist ein finanzielles Zugeständnis, für das es kaum einen Präzedenzfall gibt“, kommentierte der NBA-Reporter Adrian Wojnarowski. Brunsons Mitspieler Josh Hart sagte: „Baut ihm eine Statue.“

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Zwei Jahre später liegt dieser Gedanke näher als je zuvor. Seit dieser Woche stehen die Knicks im Finale der NBA – der erste Titel seit 1973 ist in greifbarer Nähe. Niemand hat daran mehr Anteil als Jalen Brunson. Mit seiner Leistung auf dem Feld – und den 113 Millionen Dollar, auf die er verzichtete.

Wie ist es dazu gekommen?

Ein sozialistisches Gehaltsgefüge

Brunsons Entscheidung fußt auf dem System, nach dem die NBA ihre Spieler bezahlt. Während im europäischen Fußball Spitzenteams teils über 50-mal mehr Budget verfügen als Abstiegskandidaten und einzelne Spieler so viel verdienen wie ganze Mannschaften, gilt in der NBA ein geradezu sozialistisches System. Es gibt harte Gehaltsgrenzen – sowohl für Teams als auch für Athleten.

Das bedeutet nicht, dass die NBA-Spieler darben. Einstiegsgehälter liegen jenseits der Millionengrenze, im Durchschnitt trägt ein Spieler zehn bis zwölf Millionen Dollar pro Jahr nach Hause. Die besten können 60 Millionen einstreichen. Für die Klubs gilt ein Korridor von 140 bis 240 Millionen Dollar. Spreizungen wie in der Bundesliga, wo der FC Bayern München fast zehnmal so viel für Gehälter ausgibt wie Heidenheim, gibt es nicht. Auch ein Wettbieten um einzelne Spieler ist in der NBA unmöglich.

Sündenfall Kevin Garnett

Das war nicht immer so. Eine Gehaltsobergrenze für Teams kennt die NBA seit 1984. Ein Limit für das Gehalt einzelner Spieler gibt es erst seit 1999 – dem Jahr, in dem die Knicks das letzte Mal im NBA-Finale standen. Auslöser war damals ein einzelner Vertrag: 126 Millionen Dollar für den jungen Kevin Garnett. Garnett hatte damals den Ruf eines Außerirdischen. 2,11 Meter groß, dabei wendig wie eine Katze. Er wechselte direkt von der Highschool in die NBA, ohne das übliche Aufbautraining an einem US-College. 1997 war Garnett 20 Jahre alt und All-Star.

Bei seinem Klub, den Minnesota Timberwolves, sprachen sie schon von einer neuen Ära. Das Team hatte nach Garnett auch Stephon Marbury verpflichtet. Die beiden harmonierten miteinander, ihre Athletik und Dynamik wurden zum Kassenschlager. Die Timberwolves wollten ihr Glück unbedingt bewahren. Garnetts erster Vertrag lief über drei Jahre und 5,6 Millionen Dollar. Nach zwei Jahren bot ihm sein Arbeitgeber 103,5 Millionen Dollar. Garnett lehnte ab. Die Timberwolves erhöhten auf 126 Millionen Dollar.

Es war eine Zahl, bei der sich die NBA-Eigentümer die Haare rauften. Bei allem Talent hatte Garnett noch kein Play-off-Spiel gewonnen. Jetzt verdiente er mehr als jeder andere Spieler auf dem Planeten. Mehr als das Doppelte dessen, was Michael Jordan bis dahin in seiner gesamten Karriere erhalten hatte. Mehr als Klubeigner Glen Taylor zwei Jahre zuvor für die ganzen Minnesota Timberwolves bezahlt hatte.

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Angst vor der Gehaltsspirale

Krisensitzungen begannen. NBA-Klubs sind allesamt in Privatbesitz. Zu den Eigentümern zählten Milliardäre wie Microsoft-Mitgründer Paul Allen oder der Medienunternehmer Ted Turner. Und manch ein Superreicher zögerte nicht, bei einer Gehaltsverhandlung zehn, 20 oder auch mehr Millionen hinzublättern, wenn es ihn nur seinem Traum von einem Titel näherbrachte. Man musste nicht Spieltheorie studiert haben, um das Dilemma zu verstehen: Die Athleten konnten die Milliardäre gegeneinander ausspielen. Und sobald ein NBA-Star einen Rekordvertrag erhielt, war sein Gehalt sofort die Hürde, unter der auch andere Spieler nicht bleiben wollten. Die Kostenspirale hatte kein Ende.

Ausgesperrte NBA-Millionäre

1998 gab die NBA bekannt, dass 15 ihrer 29 Teams Verluste schrieben. Garnetts Vertrag über 126 Millionen Dollar wurde als Paradebeispiel für den Webfehler in der Gehaltsstruktur angeführt. Ein unprofitables Geschäft hätte keine Zukunft. Beobachter zweifelten. Die NBA legte bei der Verkündung der angeblichen Misswirtschaft keine Zahlen offen. In jedem Ranking stiegen die Bewertungen der Klubs nur weiter. Konnte es sein, dass die Eigentümer die Gehaltsspirale nur vorschoben, um die Ausgaben für Spieler zu drücken und ihre Gewinne zu steigern?

Am 1. Juli 1998 sperrte die NBA ihre Spieler aus. Auch neun Verhandlungsrunden brachten kein Ergebnis. Für die Fans geschah das Unfassbare: Die NBA strich erst die Vorsaison, dann die ersten beiden Monate der regulären Saison, schließlich sogar das All-Star-Game. Insgesamt fielen 464 Spiele aus. Und so sehr Spieler und Klubbesitzer um Verständnis buhlten, der Öffentlichkeit war keine der beiden Seiten sympathisch. Der Journalist Tony Kornheiser spottete, es sei ein Streit „zwischen großen Millionären und kleinen Millionären“, „Newsweek“ nannte es einen „unbegreiflichen Disput zwischen rivalisierenden Banden von Millionären“.

Im Januar 1999 ging den Streitparteien der Atem aus. Die Spieler akzeptierten ein individuelles Maximalgehalt und eine feste Gehaltsskala für Rookies. Im Gegenzug bekamen sie höhere Mindestgehälter und behielten das Recht auf 55 Prozent der Klubeinnahmen. Nach 204 Tagen Aussperrung begann eine auf 50 Spiele verkürzte Saison. An ihrem Ende verloren die New York Knicks gegen die San Antonio Spurs. Jalen Brunson war damals zwei Jahre alt. Sein Vater Rick wurde wenige Monate später Knicks-Profi. Heute steht der Sohn demselben Gegner gegenüber – mit der Chance auf die Revanche für 1999.

Bester Spieler nur Dritter auf der Geldrangliste

Jalen Brunson hat auf 113 Millionen Dollar verzichtet, um die NBA-Trophäe nach New York zu holen. Seine Bescheidenheit hatte unmittelbare Auswirkungen auf den Kader. Weil er weniger kostete, behielten die Knicks den finanziellen Spielraum, ein bereits starkes Team auszubauen. So ließ sich der Verteidigungsspezialist OG Anunoby halten – für 212 Millionen Dollar über fünf Jahre, den höchsten Vertrag der Klubgeschichte. Bezeichnend: Nach Brunson verzichtete auch Anunoby auf 30 Millionen Dollar, um in New York bleiben zu können.

Der teure Wechsel von Mikal Bridges wurde erst durch Brunson möglich. Für den Flügelspieler zahlten die Knicks 150 Millionen Dollar über vier Jahre. Zusätzlich verpflichteten sie Karl-Anthony Towns, mit rund 53 Millionen Dollar im Jahr heute der bestbezahlte Spieler im Team. So entstand eine ungewöhnliche Rangordnung: Der Kapitän und beste Spieler der Knicks ist nur ihr drittbestbezahlter. Vor Brunson stehen Towns und Anunoby. Es ist eine Konstellation, die schon viele Teams zerstörte.

Die Millionen der anderen

Geradezu legendär ist der Bruch zwischen Kevin Garnett und Stephon Marbury. Als die Timberwolves Marbury 1999 verlängern wollten, boten sie ihm das Maximum, das der neue Tarifvertrag erlaubte: 71 Millionen Dollar für sechs Jahre. Mehr durfte ihm kein Klub der Liga zahlen. Marbury lehnte ab. Der Grund lag in einer bitteren Ironie. Garnett hatte seinen 126-Millionen-Vertrag noch vor dem neuen Maximalgehalt unterschrieben und genoss Bestandsschutz. Dass sein Mitspieler fast das Doppelte verdiente, soll Marbury nicht verwunden haben. Jedenfalls wechselte er den Klub. Eine Titelchance bekam er nie wieder. Gleiches gilt für die Timberwolves: Sieben Mal schieden sie mit Garnett in der ersten Play-off-Runde aus, ehe sie 2004 weiterkamen und an den Los Angeles Lakers scheiterten. Dann wechselte auch Garnett das Trikot.

Der alte Mann und das Mehr

Die NBA-Annalen kennen viele Geschichten ums Geld. Marbury war noch jung, als er das Gehalt seines Mitspielers nicht verkraftete. Doch auch die Größten des Sports stellten ihr finanzielles Eigeninteresse über den sportlichen Erfolg. Das prominenteste Beispiel ist Kobe Bryant. Bryant gehört zu den größten Spielern der NBA-Geschichte. Fünfmal gewann er die Meisterschaft. Als „Black Mamba“ war er ein Weltstar, dessen Trikot von Los Angeles bis Shanghai verkauft wurde.

2013 unterschrieb Bryant einen neuen Vertrag. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten ihm die Lakers schon rund 275 Millionen Dollar überwiesen. Daneben erhielt er Jahr für Jahr zweistellige Millionenbeträge von Sponsoren wie Nike und Mercedes. Bryant war 35 Jahre alt und hatte sich in der Saison zuvor die Achillessehne gerissen – die gefürchtetste Verletzung im Basketball. Jedem war klar, dass die Lakers verloren sein würden, wenn Bryant bleiben wollte, was er war: der bestbezahlte Spieler der NBA. Doch weniger ließ sich Bryant nicht bieten. Er unterschrieb eine Vertragsverlängerung über zwei Jahre und 48,5 Millionen Dollar.

Mit dem Altstar als Großverdiener verloren die Lakers 61 von 82 Spielen. In der Saison darauf gab es sogar 65 Niederlagen – ein Negativrekord für den Traditionsverein. Bryant wies jede Kritik als „total bullshit“ zurück. Ein Profi müsse seine Karriere eben führen wie ein Geschäft.

Geldbündel zwischen Sofakissen vergessen

Dabei wäre das vorsichtige Wirtschaften nach dem letzten Spiel noch wichtiger. Die Spielergewerkschaft NBPA warnte einmal, 60 Prozent aller NBA-Profis seien binnen fünf Jahren nach Karriereende pleite. Die Zahl ist umstritten, doch Beispiele für finanzielle Abstürze gibt es mehr als genug.

Allen Iverson wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Bundesstaat Virginia auf, bevor er zu NBA-Millionen kam. Als seine Freunde einmal seine Mutter vom Flughafen abholten, fanden sie anschließend ihr Auto nicht wieder. Seine Mutter kaufte auf dem Heimweg kurzerhand ein neues. Mitspieler Matt Geiger, der Iverson ein Haus abkaufte, fand nach dem Einzug ganze Bündel von Geldscheinen zwischen den Sofakissen. In der Garage stand auch noch ein Mercedes. Beides hatte der Vorbesitzer einfach vergessen.

Iverson verdiente zwischen 1996 und 2010 mehr als 200 Millionen Dollar an Gehalt. 2012 ließ ein Gericht in Georgia seine Konten pfänden, weil er eine Juwelierrechnung über rund 900.000 Dollar nicht begleichen konnte. Einer der besten Spieler seiner Generation war blank. Dabei hatte Iverson noch Glück. Sein Sponsor Reebok gab ihm 2001 einen Vertrag auf Lebenszeit – 800.000 Dollar pro Jahr. In seinem Scheidungsverfahren allerdings wurde öffentlich, dass Iversons monatliche Ausgaben bei mehr als 350.000 Dollar lagen. Vor Gericht stülpte der Ex-Millionär seine Hosentaschen nach außen und erklärte, er habe „nicht einmal Geld für einen Cheeseburger“.

Spike Lee fiebert mit

Jalen Brunson hat als Sohn eines NBA-Spielers nie solche Tiefen erlebt. Zwar schlug sich sein Vater durch zweitklassige Ligen in Australien und auf den Philippinen, bevor er 1997 den Sprung in die beste Liga der Welt schaffte. Doch so wuchs Jalen Brunson, 1996 geboren, mit NBA-Geld auf. „Ich bin selbst gut versorgt, meine Familie ist gut versorgt“, sagte Brunson, als er 2024 auf 113 Millionen Dollar verzichtete. Dabei sei ihm das Ausmaß seiner Entscheidung durchaus bewusst. Im Februar 2026 sagte er dem Magazin „Vanity Fair“: „Ich habe das Gefühl, ich habe mich aufgeopfert.“

Es ist ein Zitat ohne Reue. Ganz New York liegt Brunson gerade zu Füßen, mit Edelfans wie dem Regisseur Spike Lee, dem Schauspieler Ben Stiller und dem Rapper Jay-Z. „Es ist eine Ehre, in dieser Stadt zu spielen, und ich würde es gegen nichts auf der Welt tauschen“, sagte Brunson beim Finaleinzug. „Wir schreiben noch an unserer Geschichte. Aber ich mag den Weg, auf dem wir gerade sind.“