Bei der Tour de France zeichnet sich im Red-Bull-Team eine klare Hierarchie ab: Remco Evenepoel rückt zunehmend in die Kapitänsrolle, während Florian Lipowitz sich bereit erklärt, ihn zu unterstützen. Nach Evenepoels Etappensieg auf dem Plateau de Solaison feierte das Team ausgelassen – ein deutliches Zeichen, wer fortan das Sagen hat.
Evenepoel überzeugt auf dem Plateau de Solaison
Der belgische Olympiasieger Remco Evenepoel triumphierte am Sonntag auf der Bergetappe und stärkte damit seine Position im Team. „Es ist ein schönes Gefühl, so in den Ruhetag zu starten“, sagte Evenepoel nach seinem Erfolg. Gemeinsam mit Teamchef Ralph Denk genoss er den Moment – beide mit einer Siegerbrause in der Hand. Die Szene vor dem Teamhotel wirkte wie ein Fingerzeig, wer in der zuletzt offenen Kapitänsfrage nun den Ton angibt.
Am Dienstag steht das einzige Einzelzeitfahren der Tour an – Evenepoels Paradedisziplin. Der Ex-Vuelta-Sieger liegt aktuell auf Rang zwei, fünf Minuten hinter Superstar Tadej Pogacar, der unter normalen Umständen nicht mehr einzuholen ist. Lipowitz, der Tour-Dritte des Vorjahres, ist als Fünfter 1:48 Minuten hinter seinem Teamkollegen Evenepoel. Im Zeitfahren dürfte Evenepoel seinen Vorsprung weiter ausbauen.
Lipowitz zeigt sich kooperativ
Trotz anderslautender Aussagen des Teams signalisiert Lipowitz Bereitschaft, Evenepoel zu unterstützen. „Ich bin natürlich offen für alles. Remco hat definitiv gezeigt, dass er ganz vorn mitfahren kann, und am Dienstag kommt seine Spezialdisziplin“, sagte der Schwabe. „Ich bin dann auch happy, ihm dabei zu helfen.“
Sportchef Ralph Denk hingegen betonte: „Wir wollen die Co-Kapitänsrolle erstmal beibehalten.“ Evenepoel selbst sprach sich ebenfalls für die aktuelle Konstellation aus: „Es kann auch Tage geben, an denen ich Zeit verliere. Lipo ist ebenfalls in einer sehr guten Position im Gesamtklassement. Er muss um seinen Platz kämpfen, ich werde um meinen kämpfen. So sollten wir es angehen.“
Spannungen und Persönlichkeiten
Bereits während der Tour beobachten Experten und Fans das Duo genau. Besonders nachdem Evenepoel Lipowitz nach einer Pyrenäen-Etappe harsch kritisiert hatte, wurde über Machtdemonstrationen spekuliert. Die beiden waren als Doppelspitze in die Tour gestartet, doch auf den ersten Bergetappen hatte Evenepoel Probleme, während Lipowitz am Sonntag den Besten nicht folgen konnte.
Die unterschiedlichen Persönlichkeiten machen das Duo interessant: der zurückhaltende Lipowitz trifft auf den meinungsstarken Evenepoel. Im Team heißt es jedoch einhellig, dass sich beide gut verstehen und es keine grundlegenden Differenzen gebe.
Alpen-Etappen als nächste Herausforderung
Sportlich überrascht Evenepoel, weil er an langen Anstiegen besser mithält als in der Vergangenheit. Vor einem Jahr musste er die Tour in den Pyrenäen entkräftet aufgeben. Nun stehen die Alpen-Herausforderungen am Freitag und Samstag zum Kultort Alpe d'Huez an. Die Königsetappe 20 wartet mit drei Anstiegen der höchsten Kategorie. Am Sonntag endet die Rundfahrt in Paris. Die Frage bleibt: Evenepoel vor Lipowitz oder umgekehrt?



