Alarmierende Zustände im deutschen Eishockey-Team vor Olympia-Viertelfinale
Obwohl die Ausgangslage für das deutsche Eishockey-Team vor der K.-o.-Runde bei den Olympischen Winterspielen in Mailand eigentlich günstig erscheint, brodelt es innerhalb der Mannschaft. Trotz eines auf dem Papier herausragenden Kaders mit zahlreichen NHL-Stars funktioniert das Zusammenspiel zwischen den Profis aus Nordamerika und den Spielern aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) nicht wie erhofft. Die Spannungen gipfelten nach der enttäuschenden Vorrunde in einer teambinternen Aussprache.
Ex-Kapitän Müller warnt vor Blamage gegen Außenseiter Frankreich
Moritz Müller, der langjährige Kapitän des Deutschen Eishockey-Bunds (DEB), äußerte sich nach der 1:5-Niederlage gegen Weltmeister USA äußerst besorgt. "Man muss demütig genug sein, dass wir gegen jeden Gegner hier verlieren können. Das muss in unseren Kopf rein", mahnte der erfahrene Abwehrspieler, der für Olympia und die drei NHL-Stars Leon Draisaitl, Tim Stützle und Moritz Seider von der Kapitänsrolle abgesetzt wurde.
Müller, der vor acht Jahren Olympia-Silber gewann und vor drei Jahren Vize-Weltmeister wurde, zog einen deutlichen Vergleich: "Die besten Mannschaften, die ich bei Deutschland erlebt habe – das war 2018 und 2023. Da muss diese Mannschaft erst noch hinkommen." Seine alarmierenden Worte verdeutlichen die tiefgreifenden Probleme innerhalb des Teams.
Interne Konflikte zwischen NHL-Stars und DEL-Spielern
Die Spannungen wurden besonders nach der Niederlage gegen die USA offensichtlich. NHL-Star Tim Stützle von den Ottawa Senators polterte: "Mir geht es ein bisschen auf den Keks, dass immer nur über NHL-Spieler geredet wird. Das interessiert keinen, wer wo spielt. Wir sind eine Mannschaft, und die DEL-Spieler sind genauso wichtig wie wir alle."
Ex-NHL-Stürmer Dominik Kahun bestätigte die Probleme und berichtete über eine teaminterne Aussprache: "Wir haben es nach dem Spiel mit ein paar Jungs gemacht, das ist auch sehr wichtig. Und wir werden es heute auch noch als ganze Mannschaft machen." Die Aussprache fand am Montag statt, einen Tag vor dem entscheidenden Viertelfinal-Qualifikationsspiel gegen Frankreich.
Draisaitls bitterer Abend und fehlende Teamreaktion
Besonders bitter verlief das Spiel für Deutschlands Kapitän Leon Draisaitl. Der NHL-Weltstar von den Edmonton Oilers blieb ohne einen einzigen Torschuss und musste sich von den Brüdern Matthew und Brady Tkachuk verhöhnen lassen. Matthew Tkachuk vom Stanley-Cup-Sieger Florida Panthers höhnte auf dem Eis: "Immer nur die Brautjungfer, niemals die Braut, was Leon" und nahm Draisaitl in Manndeckung aus dem Spiel.
Alarmierend war die fehlende Reaktion des deutschen Teams. Weder von der Bande noch aus dem Team kam ein Impuls, sich gegen die Provokationen zu wehren. Bundestrainer Harold Kreis wirkte erstaunlich hilflos: "Was soll ich machen? Beide Tkachuks haben gegen Leon gespielt. Ich kann nichts machen." Entnervt stapfte Draisaitl nach dem Spiel wortlos in die Kabine.
Systemprobleme und mangelnde Geschlossenheit
Laut Müller und Stanley-Cup-Sieger Nico Sturm liegt ein grundlegendes Problem darin, dass das Spiel zu sehr auf die NHL-Stars zugeschnitten ist. Müller kritisierte deutlich: "Wir haben ganz tolle Eishockeyspieler, die mit zu den besten auf der Welt gehören. Aber wir können nicht denken, dass jedes Mal, wenn jemand von denen auf dem Eis ist, dass wir denen jedes Mal die Scheibe geben und dann ein Wunder passiert."
Sturm ergänzte: "Weil wir jetzt die Spieler haben, die auch Spielmacher sind, kommen wir manchmal ein bisschen von unserem System weg. Und das ist immer noch verteidigen und hinten stabil stehen und nicht in Schönheit sterben." Für das bevorstehende Spiel gegen Frankreich prognostizierte Sturm: "Wie Dänemark und Lettland, ekelhaft."
Günstige Ausgangslage trotz aller Probleme
Kurioserweise ist die Medaillenchance für das deutsche Team trotz der gravierenden Probleme nicht ausgeschlossen. Dank dänischer Schützenhilfe und etwas Glück wurde die DEB-Auswahl Gruppenzweiter. Die Ausgangslage mit dem Spiel gegen Frankreich und einem im Erfolgsfall folgenden Viertelfinale gegen die Slowakei am Mittwoch bleibt günstig.
NHL-Verteidiger Moritz Seider von den Detroit Red Wings kommentierte: "Man kann sagen, dass man so ein bisschen mit einem blauen Auge davongekommen ist." Tim Stützle, der mit vier Treffern erfolgreichster deutscher Olympia-Torschütze ist, räumte ein: "Vor dem Turnier hätte das jeder mitgenommen. Wir müssen auf jeden Fall noch einige Schippen drauflegen, damit es hier weitergeht."
Die entscheidende Frage bleibt, ob es dem Team gelingt, die internen Konflikte zu überwinden und als geschlossene Einheit aufzutreten. Das Viertelfinal-Qualifikationsspiel gegen Frankreich am Dienstag wird zeigen, ob die Warnungen des Ex-Kapitäns berechtigt waren oder ob das vermeintlich beste deutsche Eishockey-Team aller Zeiten doch noch seinen Potenzial gerecht werden kann.



