Nach dem desaströsen WM-Aus im Sechzehntelfinale gegen Paraguay hat die Führungsspitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Bundestrainer Julian Nagelsmann in einer dreistündigen Krisensitzung am DFB-Campus in Frankfurt am Main den Rücktritt nahegelegt. Laut übereinstimmenden Medienberichten erbat sich der 38-Jährige Bedenkzeit. Die „Bild“ berichtete, dass an der Sitzung DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Sportdirektor Rudi Völler, Liga-Boss Hans-Joachim Watzke und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig teilnahmen. Die „Frankfurter Rundschau“ schrieb unter Berufung auf Verbandskreise, die Ablösung Nagelsmanns sei beschlossene Sache und solle bis zum Wochenende vollzogen sein. Der DFB selbst äußerte sich bislang nicht offiziell zu den Vorgängen.
Interne Mail von Neuendorf – Aufsichtsrat entscheidet über Vertragsauflösung
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) informierte DFB-Präsident Bernd Neuendorf am Mittwoch in einer internen Mail an hochrangige Ehren- und Hauptamtliche über den aktuellen Stand. Man werde weiter fortlaufend berichten. Über eine Auflösung des Vertrags von Nagelsmann, der noch bis zur EM 2028 läuft, müsste der DFB-Aufsichtsrat entscheiden. Gleiches gilt für die Verpflichtung eines Nachfolgers. Nagelsmann hatte unmittelbar nach der Niederlage im Elfmeterschießen gegen Paraguay einen Rücktritt ausgeschlossen. Als möglicher Nachfolger gilt Jürgen Klopp, derzeit Head of Global Soccer bei Red Bull. Der Verband hatte nach dem Turnier lediglich ein per Video verbreitetes Statement von Neuendorf ohne die Möglichkeit für Rückfragen veröffentlicht, was auf Kritik stieß.
Englische Presse kritisiert Tuchel – „Pub-Team“ und „katastrophale Entscheidung“
Trotz des Einzugs ins Achtelfinale erntete der deutsche Trainer der englischen Nationalmannschaft, Thomas Tuchel, in seiner Wahlheimat scharfe Kritik. Wayne Rooney monierte bei der BBC nach dem mühsamen 2:1 gegen die Demokratische Republik Kongo: „Ich habe große Bedenken. Besonders wenn England den Ball verliert, ist die Abwehr sehr anfällig. Tuchels Elf sei in vielen Bereichen einfach nicht auf der Höhe.“ Die englische Presse fiel ebenfalls über den schwachen Auftritt her. Der „Daily Star“ schrieb: „Thomas Tuchels katastrophale Entscheidung wäre beinahe aufgedeckt worden – England entgeht nur knapp einer WM-Überraschung.“ Die Mannschaft habe sich unerklärlicherweise in ein „Pub-Team“ verwandelt, spielte „langsam und schlampig“. Der „Guardian“ analysierte: „England war in diesem Spiel zeitweise wirklich am Ende.“
Besonders die umstrittenen Personalentscheidungen Tuchels gerieten in den Fokus. Der „Daily Star“ bemängelte den „eklatanten Mangel an Kreativität auf der englischen Ersatzbank“ und verwies auf die nicht nominierten Premier-League-Stars Phil Foden und Cole Palmer. Die positiven Schlagzeilen gehörten einmal mehr Doppelpacker Harry Kane, der nun auf fünf Turniertreffer kommt. Frankreichs Ex-Stürmerstar Thierry Henry adelte den Bayern-Angreifer beim US-Sender CBS: „Von nun an werde ich ihn Sir Harry Kane nennen. Er allein war die Antwort.“ Die „Sun“ titelte: „Kate & the Great“ zu einem Foto, das Kane nach der Partie küssend mit seiner Ehefrau Kate zeigt. Der „Daily Mirror“ schrieb: „Harry Kane rettet das glanzlose englische Team und hält den WM-Traum am Leben.“ England trifft im Achtelfinale auf Co-Gastgeber Mexiko.
Kimmich hadert mit WM-Aus – „Macht mich fertig“
DFB-Kapitän Joshua Kimmich hat sich nach dem erneuten frühen WM-Scheitern mit deutlichen Worten zu Wort gemeldet. Auf Instagram schrieb der 31-Jährige: „Ich bin gerade einfach nur leer und mir ist überhaupt nicht danach, mich zu melden. Aber es gehört dazu, sich auch diesen Situationen zu stellen. Gemeinsam hatten wir vor, eine sehr erfolgreiche WM zu spielen, Deutschland würdig zu vertreten und einen kleinen Beitrag für eine positive Entwicklung in unserem Land zu leisten. Und wir sind gescheitert. Mal wieder. Und das macht mich fertig.“ Deutschland war bei dieser WM bereits in der ersten K.o.-Runde gegen Paraguay ausgeschieden, nachdem man 2022 und 2018 bereits in der Gruppenphase gescheitert war. Kimmich war bei allen drei Turnier-Pleiten dabei. Er betonte jedoch, stolz darauf zu sein, Kapitän dieser Mannschaft zu sein. Einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft schloss er aus: „Aufgeben ist für mich niemals eine Option. Um wieder klarzukommen, werde ich aber sicher mehr als ein paar Tage brauchen.“
Tah würde wieder Elfmeter schießen – Frühere Weltmeister fordern Neuanfang
Nationalspieler Jonathan Tah würde trotz seines verschossenen Elfmeters im entscheidenden Duell gegen Paraguay wieder antreten. Auf Instagram schrieb der Abwehrspieler des FC Bayern: „Ich würde ihn nächstes Mal wieder schießen! Mit voller Überzeugung und Zuversicht, ihn für Deutschland reinzumachen.“ Der 30-Jährige gab zu, dass ihn der Fehlschuss noch immer beschäftige: „Der verschossene Elfmeter ist mir schon Tausende Male durch den Kopf gegangen und man versucht, ihn in seinen Gedanken irgendwie doch ins Tor zu lenken. Aber die Realität ist, dass der Ball nicht drin war. Und das tut weh.“
Indes fordern frühere Welt- und Europameister nach dem schmachvollen Aus einen Neuanfang. Guido Buchwald schrieb im „Kicker“: „Es darf so nicht weitergehen. Alle und alles muss hinterfragt werden.“ Jürgen Kohler äußerte: „Gescheitert ist die DFB-Auswahl auch, weil ihr Spieler fehlten, die den Unterschied ausmachen.“ Olaf Thon sagte: „Es braucht nun einen Neuanfang. Ich weiß nicht, ob Julian Nagelsmann dafür der Richtige ist.“
Hamann kritisiert DFB-Spitze – „An der Zeit, Neuendorf und Rettig zu hinterfragen“
Sky-Experte Dietmar Hamann hat nach dem WM-Aus die Führung des DFB scharf kritisiert. „Man muss auch mal die Führung des DFB infrage stellen“, sagte Hamann und nannte namentlich Präsident Bernd Neuendorf und Geschäftsführer Andreas Rettig. Insbesondere der Vertrag von Bundestrainer Julian Nagelsmann bis zur EM 2028 stößt ihm sauer auf: „Wir haben vor zwei Jahren eine durchschnittliche EM gespielt und eine schlechte Quali. Und trotzdem wird der Vertrag dieses Bundestrainers verlängert. Ich glaube, es ist an der Zeit, die Herren Neuendorf und Rettig zu hinterfragen, wie das passieren konnte.“
Internationale Stimmen: Norwegen feiert Achtelfinaleinzug, Belgien dreht 0:2
Norwegen feierte nach dem 2:1-Sieg gegen die Elfenbeinküste den ersten Einzug in ein WM-Achtelfinale seit 28 Jahren. Erling Haaland, der mit einem Wikinger-Helm posierte, erzielte den Siegtreffer in der 86. Minute. Die norwegische Boulevardzeitung „Dagbladet“ jubelte: „Ganz Norwegen hat das Fußballfieber gepackt. Niemand kann dem mehr widerstehen.“ Belgien drehte ein 0:2 gegen Senegal noch in ein 3:2 nach Verlängerung. Romelu Lukaku, der an seinen verstorbenen Vater dachte, sagte: „Ich glaube, mein Vater wacht über mich. Ganz sicher.“ Die USA zogen mit einem 2:0 gegen Bosnien-Herzegowina ins Achtelfinale ein, mussten aber rund 30 Minuten in Unterzahl spielen. Frankreich besiegte Schweden souverän mit 3:0, Kylian Mbappé traf doppelt. Mexiko besiegte Ecuador mit 2:0 und trifft nun auf England oder die DR Kongo.
Österreichs Bundespräsident bittet Eltern um Ausnahme
Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat vor dem Sechzehntelfinale gegen Spanien eine ungewöhnliche Bitte an die Eltern gerichtet: „Lassen Sie sie heute, also am Donnerstag, ein wenig länger aufbleiben“, sagte der 82-Jährige in einem Facebook-Video. Er bat, ein Auge zuzudrücken, damit Kinder das Spiel live verfolgen können: „Solche Erinnerungen nimmt man doch sein Leben lang mit.“ Die Partie in Inglewood beginnt um 21 Uhr österreichischer Zeit.
FIFA-Schiri-Chef verteidigt Entscheidung gegen Tah-Tor
FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina hat die umstrittene Entscheidung, ein vermeintliches Tor von Jonathan Tah im Spiel gegen Paraguay nicht zu geben, als korrekt verteidigt. In einem Beitrag des Weltverbands schrieb der Italiener, Trainer und Spieler seien über die Regelauslegung informiert worden: „Daher sollte es keine Überraschung sein, wenn Schiedsrichter solche Vergehen ahnden.“ Sein Beitrag endete mit einem großen Foto der strittigen Szene, in der der Körperkontakt von DFB-Verteidiger Waldemar Anton mit Paraguays Torwart grafisch hervorgehoben wurde.



