Noch nie befand sich ein WM-Teilnehmer im Krieg mit dem Gastgeber. Irans Nationalmannschaft startet trotz Visa-Chaos in den USA, Protesten und geopolitischen Spannungen ins Turnier. Kann das funktionieren?
Iranische Gemeinschaft in Mexiko zeigt sich solidarisch
Seyed Hamed Shegofteh steht vor dem Eingang zum Parque Chapultepec und verteilt iranische Flaggen. Hinter ihm schauen neugierige Mexikaner auf Teppiche, probieren Datteln, Sabuseh und andere persische Spezialitäten. „Wir wollen hier eine andere Seite von Iran zeigen“, sagt Shegofteh, Direktor des Islamischen Zentrums der Muslimischen Gemeinschaft in Mexiko-Stadt.
Der iranische Stand ist der erste im sogenannten „Globalen Dorf“ im großen, zentralen Park von Mexiko-Stadt, in dem fast alle WM-Teilnehmer während des Turniers ihre Kultur und Produkte ausstellen. Der Andrang ist groß, und irgendwann gehen Shegofteh die Fähnchen aus. „Wir hatten sogar US-Bürger hier. Sie sagten uns: We are so sorry! Wir sind gegen den Krieg und lieben den Iran!“, schwärmt er.
Politik und Krieg dominieren vor dem ersten Spiel
Denn auch hier dominiert vor Irans erstem WM‑Spiel gegen Neuseeland in Los Angeles in der Nacht auf Dienstag deutscher Zeit (3 Uhr, ZDF/Magenta) ein Thema: nicht die iranische Kultur oder die Fußballbesessenheit des Landes, sondern der Krieg, die Politik und die beispiellose Situation, in der sich diese Nationalmannschaft nun befindet.
Lange war es kaum vorstellbar, dass Iran überhaupt bei dieser WM mitspielt. Dabei hatte sich das „Team Melli“ die Qualifikation bereits im März 2025 gesichert. Fast ein Jahr später begannen die Angriffe der USA und Israels auf den Iran und damit brach ein neuer Krieg in der Region aus. Schnell stellte sich danach die Frage, wie diese Mannschaft überhaupt ihre Gruppenspiele bestreiten kann, wenn alle drei von ihnen auf US-Boden stattfinden. Iran sollte der erste WM-Teilnehmer der Geschichte sein, der sich zum Zeitpunkt der Teilnahme im Krieg mit dem Gastgeber befinden würde. Seit dem am Sonntag angekündigten Friedensabkommen wird das nun nicht unbedingt der Fall sein. Dennoch hat Iran eine historisch turbulente WM-Vorbereitung hinter sich.
Vergebliche Bitten um Spielverlegung
Zunächst hat der Verband die Fifa vergeblich darum gebeten, die Spiele nach Mexiko zu verlegen. Nur zweieinhalb Wochen vor dem Turnierstart wurde das Mannschaftsquartier von Tucson, Arizona, in die mexikanische Grenzstadt Tijuana verlegt. Dort wurden sie herzlich empfangen. Mexiko, das im Iran-Krieg streng neutral geblieben ist, spielte gerne den Moderator. „Mexiko ist immer bereit, allen Völkern der Welt zu helfen“, sagte Präsidentin Claudia Sheinbaum. Bei ihrer Ankunft vor einer Woche wurde die iranische Mannschaft von jubelnden Einwohnern begrüßt. „Willkommen in Tijuana, iranische Geparden“, hieß es auf einem Banner im Stadion des Erstligisten Xolos de Tijuana, wo die Mannschaft trainiert.
Proteste gegen das iranische Regime
Vieles blieb jedoch unsicher. Erst nach ihrer Ankunft in Mexiko bekamen die Spieler ein Visum für die USA. 15 Mitgliedern des Betreuungsstabs wurde die Einreise hingegen verweigert. Vier von ihnen bekamen zwar doch noch ein Visum, doch die ganze Saga hat – wie schon im Fall des somalischen Schiedsrichters Omar Artan – einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen.
„Die USA reden viel von Freiheit und Meinungsfreiheit, doch das ist eine Lüge, und die ganze Welt weiß es“, sagt Shegofteh in Mexiko-Stadt. „Es ist nicht nur der Iran: Sie haben viele Mannschaften misshandelt, viele Menschen nicht reingelassen. Ich hoffe, dass wir gute Ergebnisse bei dieser WM bekommen, denn wir sehen das Turnier als Teil unseres Kampfes.“
Dabei teilen längst nicht alle Iraner in Nordamerika diese Meinung. In Los Angeles, wo die iranische Gemeinschaft deutlich größer ist als in Mexiko-Stadt, protestierten am Sonntag mehrere Hundert Menschen gegen das Spiel und das iranische Regime. „Das ist nicht die Nationalmannschaft des Iran, es ist das Team der islamischen Regierung“, sagte die Studentin Sara Bahraman gegenüber der AFP. In Mexiko werden die Spieler gefeiert und unterstützt.
Kapitän Taremi versucht, Versöhnung zu stiften
Die iranische Nationalmannschaft war zwar lange auch unter Regimekritikern beliebt und ist in der Vergangenheit durch passive Kritik an der Regierung aufgefallen. Bei der letzten Männer-WM 2022 weigerten sich die Spieler aus Solidarität mit der damaligen Frauen-Protestbewegung, die Nationalhymne mitzusingen. Ein ähnliches Zeichen setzte auch das Nationalteam der Frauen während der brutalen Repressionen gegen regimekritische Proteste im vergangenen Januar.
Im Kontext des Kriegs ist der politische Druck auf die Spieler aber um einiges gestiegen und in den USA wird nun keine Kritik geduldet. Irans Sportminister Ahmad Donyamali hat schon mit Spielabbrüchen gedroht, sollte es in den Stadien zu Protesten oder zum Zeigen von „inoffiziellen Flaggen“ kommen.
Damit meinte er vor allem die vorrevolutionäre iranische Flagge mit der Sonne und dem Löwen. Diese hat die Fifa eigentlich aus den WM-Stadien verbannt. Am Montag, nur wenige Stunden vor Anpfiff, soll aber ein Gericht in Los Angeles entscheiden, ob dieses Verbot rechtmäßig ist. Sollte es tatsächlich gekippt werden, könnten die Drohungen Donyamalis auf den Prüfstand gestellt werden.
Bei der Pressekonferenz am Vortag versuchte Kapitän Mehdi Taremi noch, Versöhnung zu stiften. „Ich möchte sagen, dass wir alle Iraner respektieren, ob innerhalb des Landes oder außerhalb. Wir sind hier, um Fußball zu spielen, und Fußball kann immer alle Fraktionen vereinen“, sagte der Stürmer.
Nur wenige Stunden zuvor, als die Berichte von einem Friedensabkommen zwischen den USA und dem Iran um die Welt gingen, waren er und seine Teamkollegen in Los Angeles gelandet. In letzter Minute hatten die US-Behörden zugelassen, dass sie schon am Tag vor dem Spiel einreisen durften. Eine Entscheidung, die die US-Regierung als Zeichen des guten Willens verkaufen wollte.
„Wir wollen, dass sie antreten können“, sagte Trumps WM-Beauftragter Andrew Giuliani am Sonntag gegenüber Politico. „Schon, dass sie einen Tag vorher einreisen können, ist doch eine Geste.“
Doch der Krieg und die Politik werden noch einen langen Schatten über den Iran und diese WM werfen. In den nächsten Wochen gibt es nicht wenige mögliche Brennpunkte. Wenn die USA und der Iran beide Gruppenzweite werden, könnte es im Sechzehntelfinale sogar zum direkten Duell kommen. Schon davor bestreiten Iran und Ägypten in Seattle das designierte „Pride Match“ dieser WM, obwohl Homosexualität in beiden Ländern kriminalisiert wird.
In der Nacht zu Dienstag wird die Mannschaft unmittelbar nach dem Spiel zurück über die Grenze fliegen, um wieder im vergleichsweise sicheren Hafen von Tijuana zu sein. Allein das zeigt, dass nichts an dieser WM-Teilnahme normal sein kann.



