Jürgen Klopp, designierter Bundestrainer, hat eine klare Forderung für die Zukunft der deutschen Nationalmannschaft: „Wir müssen den Bolzplatz ins Training packen, sonst wird nicht genug gekickt.“ Diese Aussage, auf der DFB-Seite prominent platziert, stammt vom Internationalen Trainerkongress 2024 und beschreibt einen Kerngedanken der neuen „Trainingsphilosophie Deutschland“. Nach drei enttäuschenden WM-Turnieren soll diese 2023 vorgestellte Strategie den Weg zurück in die Weltspitze ebnen. Der Erfolg wird sich nicht an Jugendtiteln messen lassen, sondern daran, wie viele Spieler in einigen Jahren Stammkräfte in Bundesliga und A-Nationalmannschaft sind.
Mangel an Individualisten: Die Analyse des DFB
Deutschland bringt derzeit zu wenige außergewöhnliche Individualisten hervor. Die Taktisierung des Fußballs und gegnerorientierte Mannschaftstaktiken haben in den letzten Jahren die Talententwicklung gebremst. Ziel der Trainingsphilosophie ist es, in kleinen Spielformen mit vielen Fußballaktionen, hoher Intensität und mutigem Handeln Spielfreude, Entscheidungsverhalten und Individualität zu fördern. Durch die vielen direkten Duelle werden auch Zweikämpfe in den Vordergrund gestellt – wie früher auf dem Bolzplatz. „Wir haben an den Realitäten vorbeitrainiert. Deshalb haben wir auch Positionen verloren“, sagte DFB-Direktor Hannes Wolf, die Schlüsselfigur der Reform.
Der lange Weg zurück: Lehren aus 2014
Maßnahmen im Jugendbereich brauchen Zeit. Ein Musterbeispiel sind die Weltmeister von 2014: Anderthalb Jahrzehnte nach dem EM-Fiasko 2000, das den Startschuss für die Nachwuchsleistungszentren gab, wurde Deutschland mit reihenweise NLZ-Absolventen Weltmeister. Danach jedoch „haben wir sicherlich nach dem WM-Titel 2014 den Fehler gemacht, dass wir dann den Schalter nicht umgelegt haben“, räumte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig bereits im vergangenen Jahr ein. Passenderweise bei einem Termin zur Trainingsphilosophie.
Aktuelle Talente und ihre Perspektiven
Talente gibt es durchaus, wie die EM- und WM-Titel der U17 im Jahr 2023 zeigen. Doch der Weg in den Profibereich bleibt hart. Finn Jeltsch ist der am weitesten entwickelte Feldspieler und hat sich beim VfB Stuttgart in der Bundesliga etabliert. Noah Darvich, damaliger Kapitän, soll nach seiner Leihe zu Bundesliga-Aufsteiger SV Elversberg den nächsten Schritt machen. Viele Weltmeister spielen noch in Regionalligen, zweiten Mannschaften oder pendeln zwischen Nachwuchs- und Profikader.
Spielzeit als Schlüssel: Kritik von U21-Coach Di Salvo
U21-Nationalcoach Antonio Di Salvo betont immer wieder die Basis: Jungprofis brauchen Spielzeit. Deutschland scheitert nicht daran, Talente hervorzubringen, sondern daran, aus ihnen Top-Profis zu machen. Di Salvo wies auf den fallenden Anteil junger deutscher Spieler in der Bundesliga hin – und auf den Anstieg des Anteils ausländischer U23-Spieler. „Das muss sich ändern, wenn wir mit den Nationalteams wettbewerbsfähig bleiben wollen“, forderte er. Bundesliga-Geschäftsführer Marc Lenz mahnte: „Die Nachwuchsarbeit in Deutschland ist gut, aber wir sehen da Luft nach oben.“ Nur neun deutsche Clubs sind laut Liga unter den Top-100-Akademien in Europa. Die Anzahl der Talente in der Bundesliga sei „signifikant geringer“ als im Ausland.
Einsatzzeiten im internationalen Vergleich
Während Deutschland 2021/22 bei den Einsatzzeiten heimischer U20- und U21-Spieler noch auf Platz fünf hinter Frankreich, England, Spanien und Italien lag, belegt es laut aktuellen Zahlen inzwischen Rang drei hinter Spanien und Frankreich. Oft wird die These vertreten, dass Profitrainern der Mut fehle, Toptalente einzusetzen. Doch Wolf betont: „Wenn ein 19-Jähriger nicht mindestens so gut ist wie der 28-Jährige, dann wird ihn kein Trainer aufstellen.“ Deshalb müsse der 19-Jährige so gut ausgebildet werden, dass er besser ist als der 28-Jährige.
Was andere Nationen besser machen
Frankreich profitiert von einer riesigen Talentbasis und gibt jungen Spielern früh Verantwortung im Männerfußball. Spanien setzt seit Jahrzehnten auf Technik und Spielintelligenz, integriert Talente früh in seine Spielphilosophie. England hat seine Nachwuchsausbildung mit dem Elite Player Performance Plan (EPPP) professionalisiert; hohe Investitionen der Premier League in Akademien und Trainer haben die Entwicklung beschleunigt. „Ich finde es grundsätzlich schwierig, sich zu viel an anderen zu orientieren“, erklärte Wolf. Deutschland müsse bei seinen Rahmenbedingungen den eigenen Weg gehen.
Neuer U21-Wettbewerb als Hoffnungsträger
Ein neuer U21-Wettbewerb soll Spielern im Übergang zwischen Nachwuchs- und Profifußball helfen, kann fehlende Bundesliga-Einsätze aber nicht ersetzen. „Orte zu schaffen, wo man spielen und sich entwickeln kann, das macht unglaublich Sinn“, sagte Wolf. Interessant: Er wendete sich bei seinen Worten im März auch an Klopp. „Ich habe Jürgen schon gratuliert. Das ist wahrscheinlich die am schnellsten eingeführte Liga in der deutschen Fußballgeschichte.“ Klopp kennt ein solches Modell aus England, empfahl es Deutschland – und zählt zu den prominentesten Unterstützern der Reform.



