In der Diskussion um die Zukunft von Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich überraschend Torwartlegende und Ex-Bayern-Boss Oliver Kahn zu Wort gemeldet. Der 57-Jährige nahm den Coach auf seinem LinkedIn-Profil in Schutz und kritisierte zugleich die strukturellen Probleme im deutschen Fußball.
Drei Bundestrainer, ein Muster
Kahn stellte fest: „Drei Bundestrainer sind am selben Punkt gescheitert: Joachim Löw, Hansi Flick und Julian Nagelsmann. Drei unterschiedliche Spielideen. Drei unterschiedliche Führungsstile. (...) Wenn drei Trainer mit unterschiedlichen Ansätzen immer am selben Punkt scheitern, liegt die Ursache tiefer.“ Er betonte damit, dass das Problem nicht allein bei den Trainern liege.
Die Schlüsselszene im Elfmeterschießen
Besonders prägnant beschrieb Kahn eine Szene aus dem WM-Aus: „Als das Elfmeterschießen in die Verlängerung ging, sah man, wie Joshua Kimmich nach Schützen suchte. Für mich war das der aufschlussreichste Moment dieses Ausscheidens. Eine Spitzenmannschaft sucht in diesem Augenblick keine Freiwilligen. Sie hat Spieler, die den Ball verlangen.“ Laut Kahn fehle der Mannschaft die Selbstverständlichkeit, in entscheidenden Momenten Verantwortung zu übernehmen.
Kein Talentproblem, aber ein Mentalitätsproblem
Der ehemalige Torwart erklärte: „Deutschland hat kein Talentproblem. Diese Mannschaft verfügt über außergewöhnliche Fußballer. Was ihr fehlt, ist die Selbstverständlichkeit, im größten Moment Verantwortung zu übernehmen. Wer sie nicht übernimmt, schützt sich vielleicht vor dem Scheitern. Gleichzeitig verzichtet er aber auf die Chance, Geschichte zu schreiben.“
Kahn verteidigt Nagelsmann trotz eigener Entlassung
Überraschend ist Kahns Position, da er Nagelsmann im März 2023 als Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München entlassen hatte. Dennoch betonte Kahn stets, dass Nagelsmann ein herausragender Trainer sei. Nun sagte er: „Wir diskutieren darüber, wer jetzt gehen muss, und hoffen auf den nächsten Heilsbringer, anstatt zu fragen, warum wir seit Jahren dieselben Muster wiederholen. Wir tauschen Gesichter aus und nennen das Veränderung.“
Der Preis für Spitzenleistung
Kahn forderte einen grundlegenden Wandel: „Die eigentliche Frage vermeiden wir: Sind wir überhaupt noch bereit, den Preis zu bezahlen, den Spitzenleistung immer verlangt? Der entscheidende Moment beginnt nicht im Nationaltrikot. Er beginnt viele Jahre früher, in dem Augenblick, in dem ein junger Spieler lernt, dass Verantwortung nichts ist, was man weitergibt, sondern etwas, das man übernimmt.“ Abschließend resümierte der 57-Jährige: „Talent bringt dich zur Weltmeisterschaft. Verantwortung entscheidet, wie lange du dort bleibst.“



