Die Hoffnung, die dich umbringt: Schottlands ewiges Scheitern bei großen Turnieren
Es ist die Hoffnung, die dich umbringt – dieser schottische Spruch trifft den Nagel auf den Kopf, wenn man die Geschichte des schottischen Fußballs bei großen Turnieren betrachtet. Noch nie haben die Schotten bei einer Welt- oder Europameisterschaft die Vorrunde überstanden, weder die Männer noch die Frauen. Ein Fan berichtet von den immer gleichen Enttäuschungen.
1990 in Italien: Ein Auftakt zum Vergessen
Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien stand ich mit meinem Vater und etwa 70 schottischen Landsleuten im Bus auf dem Weg vom Stadion Luigi Ferraris zum Hauptbahnhof in Genua. Schottland hatte gerade sein Auftaktspiel gegen Costa Rica mit 0:1 verloren. Es herrschte eine trübe Stille, bis jemand das aussprach, was uns wahrscheinlich allen durch den Kopf ging: „Warum, um Gottes Willen, tun wir uns das an?“
„Du bist zumindest nicht so blöd wie dieser Depp“, sagte mein Vater und zeigte auf mich. „Er hat Geld darauf gewettet, dass Schottland Weltmeister wird.“ Brüllendes Gelächter im Bus, die Stimmung war gerettet. Tatsächlich hatte ich zwei Pfund auf einen schottischen Triumph bei der WM gesetzt, bei einer Quote von 50:1. Ich war noch jung und optimistisch.
Aber als Schottland sein zweites Spiel 2:1 gegen Schweden gewann, schwoll die berühmte gute Laune innerhalb der Tartan Army erneut an. Im letzten Gruppenspiel gegen Brasilien brauchte das Team nur einen Punkt, um in die K.-o.-Runde zu kommen, was Schottland bis dahin noch nie gelungen war. Bis zur 81. Minute hielten wir gut mit, dann ließ unser Torwart Jim Leighton den regennassen Ball aus seinen Händen gleiten. Brasiliens Stürmer Müller staubte ab, und schon wieder scheiterte Schottland höchst unglücklich in der Gruppenphase.
Die 1970er Jahre: Als Schottland noch hoffen durfte
In den Siebzigerjahren war unser kleines Land sowohl 1974 in der Bundesrepublik Deutschland als auch 1978 in Argentinien für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Noch besser: Die Engländer mussten beide Male zu Hause bleiben. Für uns Schotten war es die seltene und unwiderstehliche Chance, den Engländern unsere Überlegenheit vorzugaukeln – auf eine etwas zu arrogante Weise.
Bei der WM in Deutschland schied die starke schottische Mannschaft nach der Vorrunde aus, obwohl sie ungeschlagen geblieben war und nur ein Tor kassiert hatte. Aber im ersten Spiel gegen Zaire hatten wir beim Stand von 2:0 den Fuß vom Gaspedal genommen. Nachdem sich unsere Gruppengegner Brasilien und Jugoslawien 0:0 getrennt hatten, frohlockte mein achtjähriges Ich: „Ein tolles Ergebnis für uns. Wir sind schon Erster in unserer Gruppe!“ Nein, entgegnete mein Vater, dieses Unentschieden sei ganz schlecht für Schottland. Natürlich hatte er Recht. Jugoslawien schoss neun Tore gegen Zaire, den einzigen Vertreter Afrikas bei dieser WM, die Brasilianer drei. Wegen der um einen Treffer schlechteren Tordifferenz schied Schottland nach der Vorrunde aus. Es sollte ein Trend werden.
Vier Jahre später in Argentinien trug eine ungerechtfertigte Überheblichkeit dazu bei, dass wir unser erstes Spiel gegen Peru 1:3 verloren. Trainer Ally McLeod hatte den Gegner nicht mal beobachtet, auch die Iraner nicht, gegen die wir nur dank eines aberwitzigen Eigentors ein glückliches 1:1 holten. Im letzten Gruppenspiel gegen Vizeweltmeister Holland mussten wir mit drei Toren Differenz gewinnen, um doch noch weiterzukommen. Nach Archie Gemmills Wundertor, dem schönsten des Turniers, stand es plötzlich 3:1 für uns. Euphorie! Sollten wir tatsächlich das Wunder von Mendoza erleben? Drei Minuten später schoss Johnny Rep den Anschlusstreffer für Holland. Dabei blieb es. Schottland siegte, und trotzdem hieß es: Ab zum Flughafen!
1982 und 1986: Immer wieder das gleiche Muster
1982 in Spanien war es ähnlich. Vorrundenaus wegen der schlechteren Tordifferenz, weil wir gegen Neuseeland zwar fünf Treffer erzielt, aber auch zwei kassiert hatten. In Mexiko 1986 hätten wir nur gegen Uruguay ein Tor schießen müssen. Das schafften wir aber nicht, obwohl der nette französische Schiedsrichter einen Spieler des Gegners schon in der ersten Minute des Feldes verwiesen hatte. Es blieb beim 0:0. Warum, um Gottes Willen, tun wir uns das an?
Die Frauen: Auch sie enttäuschen auf schottische Art
Bei Europameisterschaften ist Schottland seltener dabei, doch auch da sind wir noch nie über die Vorrunde hinausgekommen. Aber vielleicht die Frauen. Mögen die Männer sich immer wieder als fahrlässige Taugenichtse erwiesen haben: Auf die Frauen ist doch sicherlich Verlass!
Bei der WM 2019 in Frankreich war ich als Journalist unterwegs. Am Abend unseres letzten Gruppenspiels schlenderte ich durch die schöne Stadt Reims und nahm draußen in einem Café Platz, wo auf einem Bildschirm das Spiel unserer Gruppengegner England und Japan gezeigt wurde. Beide Länder hatten schon gegen Schottland gewonnen, aber wir mussten nur in Paris den Außenseiter Argentinien schlagen, um uns als Gruppendritter für das Achtelfinale zu qualifizieren. Spiel aus, Schottland raus. Fiel im Spiel Schottland gegen Argentinien ein Tor, schaltete die Regie nach Paris. 19. Minute – 1:0 Schottland. In der zweiten Hälfte folgten die Tore zwei (49. Minute) und drei (69. Minute). Ich gönnte mir einen kleinen Jubelschrei.
Ein Amerikaner am Nebentisch fragte mich, ob ich Schotte sei. Ja, antwortete ich und erklärte ihm die Bedeutung dieses Spiels. Sollten die Schottinnen gewinnen, würde unser Land zum ersten Mal in der Fußballgeschichte die K.-o.-Runde eines großen Turniers erreichen. „Hey man, congratulations!“, rief er aus. Nett gemeint, natürlich, aber zugleich fatal. „Bitte, bitte, noch nicht“, erwiderte ich. 20 Minuten waren noch zu spielen, und wir würden das doch wieder irgendwie vermasseln. Er sagte, er sei sich sicher, wir kriegten das hin. Aber ich war nicht mehr der junge Mann, der 1990 sein Geld auf einen schottischen WM-Titel gesetzt hatte. Dunkle Wolken hatten den Optimismus in meinem Herzen verdrängt.
Nach 74 Minuten wurde erneut nach Paris geschaltet. Der Ehrentreffer für Argentinien, 3:1. „No worries, man“, sagte der Amerikaner. 79. Minute: Die Schotten schossen tatsächlich noch ein Tor, allerdings auf der falschen Seite. Nur noch 3:2. „Oh, shit,“ sagte der Amerikaner leise. In der Nachspielzeit wurde ein Elfmeter in Paris angekündigt! Für Argentinien, selbstverständlich. Florencia Bonsegundo schoss, doch Lee Alexander hielt! Ich sprang auf und schrie „Yes!“ in den französischen Himmel. Aber unsere Torhüterin hatte sich zu früh von der Torlinie nach vorn bewegt. Der Strafstoß musste wiederholt werden, und diesmal donnerte Bonsegundo den Ball gnadenlos an Alexander vorbei. Tor für Argentinien, in der 94. Minute. Spiel aus. Schottland raus.
„Oh man, you called it!“, sagte mein neuer Ami-Kumpel mit einer Mischung aus Reue und Verehrung. Mann, du hast es wirklich geahnt! Ja, sagte ich. Aber das habe nichts mit Schlauheit zu tun. Jeder Schotte hätte es genauso vorausgesehen.
Fazit: Vielleicht ist irgendwann Schluss mit dem Unglück
Nachdem die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1998 im Viertelfinale gegen Kroatien ausgeschieden war, wurde Günter Netzer als Experte im Fernsehen gefragt, ob die Niederlage nicht ein bisschen unglücklich gewesen sei. „Mag sein“, antwortete er grantig, „aber irgendwann einmal ist es vorbei mit dem Glück.“ In Schottland sehen wir das anders. Vielleicht ist es irgendwann mal vorbei mit dem Unglück. Jedenfalls hat selbst nach dem etwas hässlichen 1:0-Erfolg am vergangenen Wochenende gegen den Außenseiter Haiti kein einziger schottischer Fan gesagt: Jetzt sind wir schon so gut wie durch. Es wäre genau diese gefährliche Hoffnung, die einen immer wieder umbringt.



