Die Tour de France wird von einer neuen Kontroverse erschüttert: Eine nächtliche Dopingkontrolle bei Jonas Vingegaard, die ihn nur Stunden vor seinem schweren Sturz aus dem Schlaf riss, hat eine hitzige Debatte über die Methoden der Anti-Doping-Behörden ausgelöst. Der zweimalige dänische Tour-Champion erlitt auf der 15. Etappe einen Schlüsselbeinbruch, nachdem er in einem Kreisverkehr gestürzt war. In der Nacht zuvor war er um 2:00 Uhr von den Kontrolleuren der International Testing Agency (ITA) geweckt worden. „Man kann wohl sagen, dass es sicher nicht förderlich war. Ob das der Grund ist, darüber wage ich nicht zu spekulieren. Es mag durchaus eine Rolle gespielt haben“, sagte Vingegaard dem dänischen Sender TV2.
Empörung im Peloton: „Unmenschlich“ und „respektlos“
Die Reaktionen der anderen Fahrer ließen nicht lange auf sich warten. Tadej Pogacar, der das Gelbe Trikot trägt, und Remco Evenepoel, der die Etappe gewann, solidarisierten sich umgehend mit Vingegaard. „Nach einer Nacht, bei der der Schlaf ruiniert wird, liegt es vielleicht daran. Seine Tour ist ruiniert. Es ist wirklich traurig“, sagte Pogacar. Evenepoel, der Doppel-Olympiasieger aus Belgien, fand noch deutlichere Worte: „Ich kann nur sagen, dass es ziemlich respektlos ist, die Fahrer mitten in der Nacht zu wecken. Kontrollen um 2:00 und 5:00 Uhr morgens sind etwas, das wir als Fahrer eigentlich nicht hinnehmen können. Es ist schlicht unmenschlich, uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen.“ Er bezeichnete die Vorgänge als „Schande“.
Auch der ehemalige Toursieger Bradley Wiggins äußerte sich in Lance Armstrongs Podcast „The Move“ kritisch. „Er war gerade erst eingeschlafen, und eine Stunde später wurde er wieder geweckt. Ich meine, wir sind uns doch alle einig, dass das nicht in Ordnung ist, oder?“, sagte Wiggins. Armstrong selbst, der größte Dopingsünder der Radsport-Geschichte, zeigte sich fassungslos: „Sie klopften an die Tür und weckten ihn mitten in der Tour de France. 2 Uhr morgens – das ist eine Frage der Menschenrechte. Ich bin sprachlos.“
Hintergründe der nächtlichen Kontrollen
Dopingkontrollen finden bei der Tour de France normalerweise zwischen 6:00 und 23:00 Uhr statt. Nächtliche Kontrollen sind seit 2016 zwar möglich, unterliegen aber strengeren Richtlinien, etwa wenn konkrete Verdachtsmomente vorliegen. Die ITA führte die Kontrollen durch, nach Angaben des niederländischen Visma-Teams auf Anweisung oder mit Genehmigung der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD). Neben Vingegaard wurde auch Pogacar um 5:00 Uhr morgens getestet. Evenepoel hingegen konnte in dieser Nacht ungestört schlafen.
Der deutsche Fahrer Florian Lipowitz, Vorjahresdritter, zeigte Verständnis für den Unmut seiner Kollegen. „Kontrolliert wird natürlich super viel bei der Tour, und ich glaube, da wird kein Team verschont. Natürlich ist es vielleicht ungünstiger morgens vor so einer harten Etappe. Gestern kamen wir super spät ins Hotel, und dann zählt natürlich jede Minute Schlaf“, sagte er. Kontrollen in der Nacht seien „nicht ganz vorteilhaft“.
Forderungen nach Änderungen
Evenepoel forderte die Fahrergewerkschaft CPA auf, einzuschreiten. „Das ist ziemlich respektlos. Ehrlich gesagt: Wäre mir das passiert, würde ich mein Team heute Nacht losschicken, um die Verantwortlichen ebenfalls um 3:00 Uhr morgens zu wecken und ihnen am eigenen Leib spüren zu lassen, wie das ist – und ihnen mitten in der Nacht Blut abnehmen.“
Vingegaard selbst zeigte sich trotz des Ausfalls gefasst: „Natürlich ist es sehr enttäuschend für uns, dass es so ausgeht und die Tour auf diese Weise endet. Aber so ist der Radsport nun mal. Zum Glück ist es nur ein Schlüsselbeinbruch. Es bringt nichts, den Kopf hängen zu lassen. Das macht alles nur noch schlimmer.“



