Tuchel soll Englands WM-Fluch nach 60 Jahren beenden
Tuchel soll Englands WM-Fluch beenden

Englands langer Schmerz: 21.904 Tage ohne WM-Titel

Vor 60 Jahren gewann England zuletzt die Fußball-Weltmeisterschaft. Das lange Warten soll nun Thomas Tuchel beenden. Der deutsche Trainer steht vor einer Herkulesaufgabe, denn die Erwartungen im Mutterland des Fußballs sind enorm. Schon vor Turnierstart gibt es Kritik an seiner Nominierung.

Tuchels schwierigste Mission

Thomas Tuchel hat in seiner Trainerkarriere schon viel erlebt. Der selbstbewusste Coach hat beim FC Bayern gegen die Zweifel des ewigen Uli Hoeneß angearbeitet und muss noch heute dessen beißenden Spott hinnehmen. Er hat mit den Profis von Borussia Dortmund einen Sprengstoffanschlag auf den Teambus unbeschadet überstanden und den FC Chelsea aus dem Nichts zum Triumph in der Champions League geführt. Doch die Mission, die für Tuchel am Mittwochabend (22.00 Uhr/ZDF und MagentaTV) im texanischen Arlington gegen Kroatien beginnt, ist sportlich die kniffligste überhaupt: Der 52-Jährige aus der 15.000-Einwohner-Stadt Krumbach im bayerischen Schwaben soll England zum ersten WM-Titel seit 60 Jahren führen – mit einem milliardenschweren Kader und einem erhitzten Umfeld, das alles unter der Trophäe irgendwo als Scheitern beurteilen würde. Sein Vertrag läuft bis zur Heim-EM 2028.

21.904 Tage des Wartens

21.904 Tage werden die Three Lions seit Wembley 1966 gewartet haben, wenn am 19. Juli in East Rutherford unweit von New York das Finale der XXL-WM mit 48 Teams gespielt wird. „Wir sind nicht die Topfavoriten. Das können wir auch gar nicht sein, denn wir haben den Titel schon seit so, so vielen Jahren nicht mehr gewonnen“, sagte Tuchel. Die Tücken des stets gereizten englischen Umfelds hat Tuchel bereits in der Qualifikation kennengelernt. Mit acht Siegen und 22:0-Toren haben Harry Kane und Co. die Gruppe makellos abgeschlossen. Doch das hinderte Medien, Experten und Ex-Profis nicht daran, den Nachfolger von Gareth Southgate ständig zu kritisieren – und ihm Ratschläge zu erteilen. Noch deutlicher wurde es nach Tuchels Kadernominierung – der Verzicht auf große Namen wie Phil Foden und Cole Palmer zugunsten des Teamgefüges brachte dem Deutschen einen Sturm der Entrüstung ein.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Tuchels Schlüsselfiguren

Vor allem Bayern-Star Harry Kane, der reichlich Erfahrung mitbringt, trägt als Kapitän und unumstrittener Anführer des Teams die Hoffnungen. Längst hat der 32-Jährige Wayne Rooney als nationalen Nummer-eins-Torschützen überflügelt. Kane hat zwei EM-Finals gespielt und befindet sich seit dem Wechsel nach München im Sommer 2023 in der Hochphase seiner Karriere. Daneben ist Arsenals Declan Rice im defensiven Mittelfeld eine zentrale Figur. Auch die Klasse von Real Madrids Jude Bellingham, der England 2024 mit einem Fallrückzieher vor einem frühen Achtelfinal-K.o. gegen die Slowakei bewahrte, braucht das Team. Neben dieser Achse ist vieles offen, weil Tuchel in den eineinhalb Jahren seit Amtsantritt extrem viel probiert hat.

Was Tuchel auszeichnet

Niemand zweifelt dabei Tuchels Expertise an. Legendär ist die Geschichte, wie er im Nobelrestaurant Schumann's mit Pep Guardiola Salz- und Pfefferstreuer hin- und herschob, um verschiedene Taktik-Varianten darzustellen. Tuchel war immer ein Trainer für schnellen Erfolg: Er holte in Dortmund zügig den DFB-Pokal, bei Chelsea direkt die Champions League und erreichte mit Paris Saint-Germain das Endspiel der Königsklasse.

Argumente für und gegen England als Weltmeister

Für England spricht die famose Qualität des Kaders. Alle wichtigen Akteure spielen bei internationalen Topclubs und haben viel Erfahrung auf den großen Bühnen. Die Anführer Kane und Rice kommen mit hervorragenden Empfehlungen aus ihren Clubs. Das Team hat in der Ära unter Tuchel-Vorgänger Gareth Southgate schmerzhafte Niederlagen hinnehmen müssen und scheint in seiner jetzigen Zusammenstellung reif für den großen Wurf. Gegen England spricht, dass die sommerlichen Temperaturen an Spielorten wie Miami, Arlington oder East Rutherford anderen Nationen mehr entgegenkommen. Englands Abwehr ist nach diversen Tuchel-Experimenten nicht wirklich eingespielt. Soll der Triumph her, müsste Tuchel zudem die WM-Historie umschreiben: denn bisher hat nie ein Trainer den Titel gewonnen, der nicht aus der gleichen Nation kam wie seine Profis.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Englands Weg bei der WM

Nach dem Gruppenauftakt gegen den WM-Dritten Kroatien warten Duelle mit den Außenseitern Ghana und Panama. Das Weiterkommen ist Formsache. Als Gruppensieger würde es im Sechzehntelfinale gegen einen der Gruppendritten und im Achtelfinale gegen Gastgeber Mexiko im Aztekenstadion gehen. Erst danach würde – zum Beispiel in Rekord-Champion Brasilien – wahrscheinlich der erste große Brocken warten. Werden die Three Lions nur Zweiter, droht schon in der Runde der letzten 32 ein Duell mit Portugal oder Kolumbien. Und zum Treffen mit Topfavorit Spanien könnte es dann in einem Achtelfinale kommen. Für Tuchel und sein Team ist es also von zentraler Bedeutung, in der lösbaren Gruppe Platz eins zu belegen.