Es war eine Schalte mit historischer Wucht: Am Donnerstag hatte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin alle 55 Mitgliedsverbände zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen – und binnen weniger Stunden stand die geschlossene Kampfansage an die FIFA. Keine europäische Nationalmannschaft werde künftig an einem Wettbewerb des Weltverbands teilnehmen, solange der milliardenschwere Investorenplan für die Fußball-WM nicht vollständig vom Tisch ist. Diese Botschaft schickte die Europäische Fußball-Union an Gianni Infantino – und sie war bewusst kompromisslos formuliert.
Hintergrund ist eine Initiative der FIFA, die in dieser Woche für Aufsehen gesorgt hatte. Der Plan sieht vor, private Investoren an den Vermarktungsrechten künftiger Weltmeisterschaften zu beteiligen. Im Gegenzug sollen alle Mitgliedsverbände mehr Geld erhalten, der Einfluss der USA im Weltfußball gestärkt werden und FIFA-Boss Infantino sich dauerhaft eine Art Geschäftsführerposition sichern. Was nach einem cleveren Dealmaking klingt, stößt in Europa auf massiven Widerstand – vor allem bei Aleksander Ceferin, der den Plan als Angriff auf die Souveränität des Fußballs wertet.
Dreiklang aus Empörung, Spott und offenem Bruch
Ceferin, gelernter Rechtsanwalt und früherer Karate-Kämpfer, hat in den vergangenen Tagen eine bemerkenswerte Strategie gefahren. In drei Schritten eskalierte er die Auseinandersetzung mit der FIFA – und zwar so, dass Infantino kaum noch Raum für Zugeständnisse blieb. Der erste Schritt war die Empörung: „Damit wird eine Grenze überschritten, die die für den Fußball verantwortlichen Institutionen niemals überschreiten dürften“, hieß es aus der UEFA. Der zweite Schritt war Spott: Mit Blick auf ein kolportiertes Ultimatum bis zum 19. September ließ Ceferin ausrichten, „das sagt alles über diesen Plan aus, was man wissen muss“.
Der dritte Schritt am Donnerstag markierte den offenen Bruch. In einer offiziellen Erklärung drohte die UEFA mit dem Boykott sämtlicher FIFA-Wettbewerbe – und das ohne Wenn und Aber: „Als Folge der heutigen Diskussion werden keine Nationalmannschaften aus der UEFA an einem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge bestehen bleiben, es sei denn, dieser Vorschlag wird vollständig verworfen und es werden verbindliche Zusicherungen gegeben, dass die FIFA ihre Führung oder Wettbewerbe nie wieder für private Eigentümer öffnet“, hieß es in der Mitteilung. Diese Zeilen lassen keinen Raum für Interpretationen.
Alle 55 Verbände hinter Ceferin
Bemerkenswert ist nicht nur die Härte der Drohung, sondern auch die Geschlossenheit, mit der die europäischen Verbände hinter ihrem Präsidenten stehen. Selbst der DFB, der in der Vergangenheit oft als Vermittler aufgetreten war, reihte sich ein. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte Ceferin bereits zuvor öffentlich den Rücken gestärkt: „Der DFB hat volles Vertrauen in sein Handeln und in ihn als Person.“ Auch Weltmeister Spanien und die zunächst als abtrünnig geltenden Tschechen fielen am Ende nicht ab.
Für Ceferin ist dieser Schulterschluss ein persönlicher Triumph. Der 58-Jährige, der die UEFA seit 2016 führt und im kommenden Jahr nicht mehr antreten möchte, hat in seiner Amtszeit schon mehrfach bewiesen, dass er in der Lage ist, mächtige Gegner zu Fall zu bringen. 2021 ließ er die von Topclubs geplante Super League platzen, 2018 versenkte er zusammen mit den Verbänden Infantinos damalige Milliardenpläne. Nun könnte der slowenische Anwalt erneut zum Spielverderber werden.
Fehde mit Infantino: Vom WM-Finale zur Boykottdrohung
Der Konflikt zwischen Ceferin und Infantino schwelt schon lange. Beim WM-Finale vor knapp zwei Wochen im US-amerikanischen East Rutherford war Ceferin demonstrativ nicht anwesend – obwohl mit Spanien ein UEFA-Mitglied im Endspiel stand. Viele sahen darin eine bewusste Abwesenheit, ein stilles Zeichen der Missbilligung. Hintergrund war der Skandal um den US-Stürmer Folarin Balogun, dessen Rotsperre für das Achtelfinale überraschend aufgehoben worden war, nachdem US-Präsident Donald Trump persönlich bei Infantino interveniert hatte. Die UEFA sprach damals von einer „roten Linie“, die überschritten worden sei, und stellte die Integrität des Wettbewerbs infrage.
Während des Turniers zog man daraus keine unmittelbaren Konsequenzen. Diesmal aber ist die Lage anders. Die Boykottdrohung ist keine leere Rhetorik mehr, sondern ein politisches Druckmittel mit klarem Zeitplan. Sollte die FIFA den Investorenplan nicht bis zum 19. September ersatzlos streichen, drohen konkrete Ausfälle: Bereits im September steht die U20-Weltmeisterschaft der Frauen in Polen auf dem Programm, im Oktober folgen Playoff-Spiele für die Frauen-WM 2027 in Brasilien. Würde die UEFA ihre Drohung wahr machen, stürzte das den internationalen Spielplan ins Chaos.
Machtkampf mit offenem Ausgang
Für Infantino wird die Lage damit ungemütlich. Der FIFA-Präsident hat sich mit seinem Investorenmodell weit vorgewagt – und muss nun erleben, dass sein europäischer Widersacher eine Brandmauer errichtet hat, die kaum zu durchbrechen ist. Die Forderung der UEFA, die FIFA dürfe ihre „Führung oder Wettbewerbe nie wieder für private Eigentümer“ öffnen, ist eine klare Absage an jede künftige Kommerzialisierung der Weltverbandsstrukturen.
Beobachter werten die Entwicklung als Machtprobe, die auch über Infantinos Zukunft entscheiden könnte. Sollte der Plan endgültig scheitern, wäre dies ein schwerer Prestigeverlust – und die Frage nach der Nachfolge würde sich stellen. In diesem Szenario gilt Ceferin als logischer Kandidat, auch wenn der Slowene selbst bislang keine Ambitionen auf das höchste Amt im Weltfußball erkennen lässt. Erst einmal kann er sich zurücklehnen und beobachten, wie die FIFA auf die Boykottdrohung reagiert – und ob Infantino den 55 europäischen Verbänden tatsächlich die Stirn bieten will.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob es sich bei der Erklärung der UEFA um eine Schutzbehauptung oder um eine echte Zäsur handelt. Klar ist: Aleksander Ceferin hat Gianni Infantino den Fehdehandschuh hingeworfen – und der Weltfußball steht vor einer der größten Zerreißproben seiner Geschichte.



