In der 102. Minute des WM-Sechzehntelfinals in Boston erarbeitete sich Deutschland einen Eckstoß. Nathaniel Brown trat ihn von rechts mit links an den zweiten Pfosten, wo Jonathan Tah hochstieg und den Ball in die Maschen wuchtete. Nach einem 0:1-Rückstand schien das DFB-Team das Spiel gedreht zu haben und das Achtelfinale in greifbarer Nähe. Der Jubel war groß.
VAR-Intervention sorgt für Aufregung
Doch dann schaltete sich der Video Assistant Referee ein. Im Fünfmeterraum hatte es vor Tahs Kopfball einen Kontakt zwischen Waldemar Anton und Paraguays Torwart Orlando Gill gegeben. Gill war kurz zu Boden gegangen, erhob sich jedoch schnell wieder und hätte den Treffer fast noch verhindert. Proteste seitens der Paraguayer gab es zunächst nicht. Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko schaute sich die Szene am Monitor an und entschied auf Foul von Anton – kein Tor.
„Das war ein reguläres Tor. Das ist ein Witz, dass er das abpfeift“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann bei MagentaTV. Die Wut dürfte nach dem Betrachten der Fernsehbilder noch gewachsen sein.
Paraguay rettet sich ins Elfmeterschießen
Paraguay rettete sich ins Elfmeterschießen und holte sich den Sieg. Für Nagelsmann war klar: „Das war ein reguläres Tor.“ Er blieb sachlich, doch die Enttäuschung war groß.
Erst zwei Jahre zuvor fühlte sich Deutschland im Viertelfinale der Heim-EM gegen Spanien von einem Schiedsrichter betrogen. Damals in der ersten Halbzeit der Verlängerung beim Stand von 1:1: Jamal Musiala schoss den Ball an die Hand von Marc Cucurella – für viele ein klarer Elfmeter. Doch Referee Anthony Taylor ließ weiterspielen. Spanien traf später zum 2:1 und wurde Europameister.
Kritik an der Entscheidung
Die „Bild“-Zeitung titelte nach dem deutschen Aus: „Deutschland verliert nach geklautem Tor.“ Jürgen Klopp bemühte bei MagentaTV einen Vergleich: „Wenn dieses Tor irregulär ist, wird Arsenal nicht Englischer Meister.“ Er spielte auf die Eckballvarianten der Londoner an, die auch dem FC Bayern in der Champions League zum Verhängnis wurden.
Schiedsrichter-Experten waren sich einig. Thorsten Kinhöfer fand die Entscheidung „absolut nicht nachvollziehbar“ und sagte: „Das ist weder Halten noch Rempeln.“ Früher galt für den Torwart besonderer Schutz im Fünfmeterraum, aber das sei nicht mehr so: „Der Torraum ist wie der Strafraum zu sehen.“ Bei einem Feldspieler wäre es kein Foul gewesen.
Patrick Ittrich sagte bei Magenta: „Für mich ist das zu kleinlich. Es gibt einen Kontakt, aber ich sehe kein Wegstoßen, kein Festhalten, kein Wegdrücken. Insofern ist es keine klare Fehlentscheidung des Schiedsrichters.“ Folglich hätte das Tor zählen müssen.
Bitteres Aus für Deutschland
Für die deutsche Mannschaft ist das besonders bitter. Ein zweites Tor war ihr nicht vergönnt, und im Elfmeterschießen fehlte das Glück. Allerdings ist das Ausscheiden nicht allein an der Leistung von Jayed festzumachen. Die Mannschaft war nicht in der Lage, aus dem Spiel heraus genügend Druck zu entwickeln, um Paraguays Riegel zu knacken.
Kapitän Joshua Kimmich fasste es fair zusammen: „Wir Spieler, die auf dem Platz standen, haben das verbockt. Das war nicht der Trainer, nicht die Medien und auch nicht der Schiedsrichter, sondern das waren einzig und allein wir.“



