Rückblick auf die WM 1994: Als Amerika das Fußballfieber entdeckte
WM 1994: Amerikas erstes Fußballfieber aus deutscher Sicht

Im Jahr 1994 war die Welt eine andere: Russland und Israel waren noch keine großen Themen, und die USA galten als bewunderter Partner ohne große geopolitische Gefahren. In diesem Umfeld durften die Amerikaner zum ersten Mal eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten. Die europäische Berichterstattung, insbesondere durch SPIEGEL TV, war geprägt von einem gutmütigen, aber leicht überheblichen Lächeln. Eine Reportage aus Chicago von 1994 zeigt, wie fremd der Sport den Amerikanern damals war.

Chicago zwischen Softball und Fußballfieber

Seit Freitag vergangener Woche sollte die Stadt offiziell im Fußballfieber sein. Doch auf den wenigen Grünflächen zwischen den Wolkenkratzern gaben sich die Menschen ungerührt amerikanischen Leibesübungen hin, vor allem Softball. Für deutsche Schlachtenbummler war dies ein exotischer Genuss, der fachgerecht kommentiert wurde. Ein deutscher WM-Tourist meinte: „Wir waren gestern bei einem White Sox und haben uns das angeguckt. Langweilig.“ Auf die Frage, warum die Amerikaner dieses Spiel besser fänden als Fußball, antwortete er: „Das ist … nö. Keine Ahnung. Die sind's halt nicht anders gewohnt.“

Politische und kulturelle Kontraste

Die Anmoderation der Reportage machte deutlich, wie anders die Zeiten waren. Britta Sandberg von SPIEGEL TV berichtete, dass die Kommunistische Partei Chinas die Bevölkerung zu leisen Toren und Selbstkontrolle aufrief, um Schlafmangel zu vermeiden. Auch im Iran wurde die WM erstmals seit der islamischen Revolution 1979 im Fernsehen übertragen, jedoch zensiert: Leicht bekleidete Cheerleader wurden durch Winterszenen ersetzt. Heute, so der Kommentar, wäre es fast wünschenswert, wenn der Iran wieder solche Nacktbilder fürchten müsste statt tödlicherer Sendungen aus den USA.

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Deutsche Klischees in Germantown

Im Norden Chicagos, rund um die Lincoln Avenue, widerstanden deutsche Einwanderer seit Jahrzehnten dem Kulturimperialismus ihrer neuen Heimat. Eine amerikanische Kapelle in deutschen Lederhosen spielte zu Ehren des deutschen Fußballs. Im Chicago-Brauhaus von Harry Kempf durfte der deutsche Stammtisch ungehemmt sein Unwesen treiben. Ein Tourist erklärte: „Wie wir nach Amerika gekommen sind, da hat's noch kein Skifahren gegeben. Da haben wir denen erst einmal gelernt, wie das geht. Wir haben ja keinen Rassenhass nicht, wir sind nur froh, wenn sie alle daheim bleiben.“

Amerikanische Perspektiven auf den Fußball

Die Reportage zeigte auch die amerikanische Sichtweise. Ein Basketballspieler aus Chicago sagte: „Ich guck' mir das nicht an, weil die Jungs laufen pausenlos und werden nie müde. Man kann sich verletzen und dieser Schiedsrichter zieht dieses gelbe Etikett, das verstehe ich auch nicht.“ Ein anderer meinte: „Fußball ist ein guter Sport, viel Spaß, aufregend.“ Eric Zorn von der Chicago Tribune urteilte: „Fußball ist für mich ein Haufen Männer in kurzen Hosen, die rumlaufen und gegen einen Ball treten, stundenlang. Und dann wird nur ein Tor geschossen.“

Entwicklungshilfe durch deutsche Stars

Damit das besser wurde, empfing die „Soccer Clinic“ am Rande von Chicago berühmte deutsche Kicker wie Hansi Müller und Jürgen Klinsmann. Ein Mitarbeiter sagte: „Diese beiden werden heute mitarbeiten. Von Fußball verstehen sie verdammt viel. Beide waren schon mehrfach bei Weltmeisterschaften dabei.“ Hans Müller erklärte: „Es gibt viele Dinge, die man tun kann. Erstmal muss es Spaß machen, dann beginnt man mit der Sohle, mit der Innenseite, bis man das richtige Gefühl hat.“ Uwe Seeler schwärmte: „Rassige Zweikämpfe, Torschüsse, Kopfbälle, Flanken, Paraden – Fußball hat eine solche Faszination.“ Jürgen Klinsmann meinte: „Es ist schwierig für den Fußball in Amerika. Viele Kids sind begeistert, aber danach ist keine Basis mehr da.“

Fazit

1994 war die Welt einfacher sortiert. Heute, 32 Jahre später, sind die USA uns fremder geworden. Die Reportage erinnert an eine Zeit, als Fußball in Amerika noch eine exotische Randerscheinung war. Und auch, was wir in weiteren 32 Jahren von der Berichterstattung über die WM 2026 halten werden, bleibt abzuwarten.

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