Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Toronto kommt es zum Duell zweier Altstars: Der 41-jährige Cristiano Ronaldo trifft mit Portugal auf den 40-jährigen Luka Modrić und Kroatien. Beide ehemaligen Weltfußballer des Jahres sind noch immer Kapitäne und Schlüsselspieler ihrer Teams – ein Trend, der sich auch bei anderen Größen wie Lionel Messi (39) oder Edin Džeko (40) zeigt.
Warum Spitzenfußballer heute länger auf höchstem Niveau spielen
Professor Dr. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln, erklärt gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: „Aus physiologischer Sicht nimmt die maximale körperliche Leistungsfähigkeit zwar bereits ab dem dritten bis vierten Lebensjahrzehnt langsam ab. Betroffen sind insbesondere die maximale Sauerstoffaufnahme, die Schnellkraft und die Sprintgeschwindigkeit. Dieser Prozess verläuft jedoch deutlich langsamer als früher angenommen und kann durch konsequentes Training, professionelle Regeneration, optimale Ernährung und eine individualisierte medizinische Betreuung erheblich verlangsamt werden.“
Hinzu komme, dass Spitzenfußball weit mehr sei als reine Athletik. „Er basiert auf einem komplexen Zusammenspiel aus Technik, Spielintelligenz, Antizipation, taktischem Verständnis und Erfahrung. Gerade diese Fähigkeiten bleiben über viele Jahre erhalten oder verbessern sich sogar. Ältere Spieler kompensieren daher einen Teil der altersbedingten körperlichen Einbußen durch effizientere Laufwege, bessere Entscheidungen und ein exzellentes Stellungsspiel. Moderne Leistungsdiagnostik und Trainingssteuerung ermöglichen es zudem, Belastungen sehr präzise zu dosieren und Verletzungen vorzubeugen“, so Predel.
Was macht Modrić, Messi und Ronaldo trotzdem besonders?
„Spieler auf höchstem internationalem Niveau mit 40 Jahren bleiben eine Ausnahme. Sie verfügen meist über eine außergewöhnliche genetische Veranlagung, waren über Jahrzehnte nahezu verletzungsfrei und haben ihren Lebensstil konsequent auf den Leistungssport ausgerichtet“, erläutert der Sportmediziner.
Grundsätzlich zeigten die wissenschaftlichen Daten jedoch, dass leistungsorientierter Sport bis ins hohe Alter möglich sei. „Die Zahl der Master-Athletinnen und Master-Athleten nimmt weltweit kontinuierlich zu, und viele erzielen Leistungen, die vor wenigen Jahrzehnten als unrealistisch galten. Voraussetzung sind ein systematischer Trainingsaufbau, eine ausreichende Regeneration und die Anpassung der Trainingsinhalte an das biologische Alter. Der entscheidende Unterschied besteht allerdings darin, dass sich das Leistungsniveau zwar lange erhalten lässt, die absolute Höchstleistung jedoch altersbedingt nicht vollständig konserviert werden kann.“
Warum haben es ältere Fußballer leichter als ältere Schwimmer?
„Fußball gehört zu den sogenannten komplexen Spielsportarten. Der Erfolg hängt nicht ausschließlich von maximaler Geschwindigkeit oder Kraft ab, sondern in hohem Maße auch von Technik, Spielübersicht, taktischem Verständnis, Entscheidungsqualität und Erfahrung. Diese Faktoren gewinnen mit zunehmendem Alter häufig sogar an Bedeutung“, erklärt Predel.
Im Sprint oder über 100 Meter Freistil entscheide dagegen nahezu ausschließlich die maximale neuromuskuläre Leistungsfähigkeit. „Gerade diese nimmt mit zunehmendem Alter vergleichsweise früh ab. Bereits geringe Einbußen bei Explosivkraft oder maximaler Sprintgeschwindigkeit entscheiden dort über Sieg oder Niederlage. Im Fußball können ältere Spieler körperliche Defizite hingegen durch überlegene Spielintelligenz, Antizipation und ökonomischere Bewegungsmuster teilweise kompensieren.“



