Die Fußball-Weltmeisterschaft wurde auf 48 Teams aufgestockt, was weltweit für Kontroversen sorgt. Die ersten beiden Spieltage liefern Argumente sowohl für Befürworter als auch für Kritiker des XXL-Turniers. Wir beleuchten die Vor- und Nachteile.
Pro: Mehr Chancen für kleine Nationen
Die Aufstockung ermöglicht es kleineren Fußballnationen, auf der großen Bühne zu glänzen. Länder wie Curaçao, Jordanien, Usbekistan oder Kap Verde erhalten seltene Gelegenheiten, ihre Geschichten zu erzählen. So wurde Kap Verdes Torhüter Vozinha nach einem 0:0 gegen Spanien über Nacht zum Internetstar – ihm folgen inzwischen über 15 Millionen Menschen auf Instagram. Auch die Geschichte seiner Mutter, die zunächst die Visums-Kaution nicht zahlen konnte und später doch einreisen durfte, bewegte viele Fans. Curaçao als kleinster WM-Teilnehmer aller Zeiten mit rund 185.000 Einwohnern (vergleichbar mit Saarbrücken) sorgte ebenfalls für internationale Aufmerksamkeit.
Pro: Spielqualität bleibt hoch
Entgegen der Befürchtungen vieler Kritiker, die Aufstockung führe zu langweiligen Spielen, zeigt die bisherige WM ein anderes Bild. Nach 24 Partien lag die Tordifferenz auf dem Niveau der WM 2022. Zwar gab es Kantersiege wie das 7:1 zwischen Deutschland und Curaçao oder das 6:0 Kanadas gegen Katar, doch einige Außenseiter konnten überraschen: Kap Verde erkämpfte ein 0:0 gegen Spanien und ein 2:2 gegen Uruguay, die Demokratische Republik Kongo ein 1:1 gegen Portugal. „Jedes Team kann dich schlagen. Alle sind hier, weil sie talentiert sind“, sagte Spaniens Marc Cucurella.
Contra: Reisestrapazen und Wettbewerbsverzerrung
48 Teams an 16 Spielorten in drei Ländern bedeuten enorme Reisestrapazen für einige Mannschaften. Bosnien-Herzegowina musste nach seinem ersten Spiel in Toronto für die zweite Partie nach Los Angeles reisen – rund 3.500 Kilometer Luftlinie. Tschechien legte zwischen Guadalajara und Atlanta etwa 2.500 Kilometer zurück, bevor es zum Abschluss nach Mexiko-Stadt geht. Obwohl mehrere Tage Pause zwischen den Spielen liegen, sind solche Reisen ein Nachteil gegenüber Teams mit kompakteren Plänen. Paraguay hingegen hat sein Quartier in Kalifornien und bestreitet dort alle drei Gruppenspiele. Panama profitiert von kurzen Wegen: Das Basecamp in New Tecumseth (Kanada) liegt nur eine Autostunde von Toronto entfernt, wo zwei Vorrundenspiele stattfinden.
Contra: Weniger Spannung durch neuen Modus
Die Nullnummer zum Auftakt gegen Kap Verde war ein Desaster für Spanien, doch der Europameister gab sich gelassen – ebenso wie Belgien oder die Niederlande, die ebenfalls Punkte liegen ließen. Grund: Durch den neuen Modus kommen auch die acht besten Gruppendritten weiter. Der sportliche Wert der Gruppenspiele ist gesunken, ebenso die Spannung. Zudem entscheidet bei Punktgleichheit erstmals der direkte Vergleich vor der Tordifferenz, was frühzeitige Gewissheit brachte: Teams wie die Türkei, Jordanien oder Haiti waren bereits vor dem letzten Gruppenspieltag ausgeschieden. Die ersten 72 Spiele an 17 Tagen reduzieren das Feld lediglich auf die alte Größe von 32 Nationen.
Pro und Contra: Mehr Spiele, mehr Erholung
Die neue erste K.o.-Runde (Sechzehntelfinale) stieß auf viel Kritik. Ex-Nationalspieler Marco Reus monierte: „Viel zu viel.“ Frankreichs Coach Didier Deschamps warnte vor gesundheitlichen Folgen: „Die Alarmglocken läuten seit längerem. Die Gefahr eines Burn-outs ist deshalb nicht wegzudiskutieren.“ Auch die Standortwechsel von Spieltag zu Spieltag sorgten für Kritik. Doch die Aufblähung des Wettbewerbs bringt auch Vorteile: Die Mannschaften haben in der Gruppenphase fast eine Woche Pause zwischen zwei Spielen. Viele Trainer geben ihren Spielern zwei Tage frei, bevor die Vorbereitung beginnt. So besuchte Harry Kane mit Teamkollegen ein Konzert, Schwedens Profis gingen zum Baseball, die Kanadier und US-Amerikaner entspannten beim Barbecue, und die Norweger jetteten für einen Kurztrip nach New York.



