60.000 Menschen spielen in New York City in einer Liga regelmäßig Turniere – und das ohne die strengen Vereinsstrukturen, die in Deutschland üblich sind. Sogar Bürgermeister Zohran Mamdani hat bereits mitgemacht. Dieses Modell könnte ein Vorbild für den Großstadt-Fußball in Deutschland sein, insbesondere für Berlin.
Ein Spiel ohne Verein: Der „Soccer“-Boom in New York
Tarek Pertew läuft im gelben Trikot über das Feld. Hinter ihm erheben sich die Türme der Wall Street und das One World Trade Center. Gerade hat seine Mannschaft getroffen. Pertew klatscht den Schützen ab und signalisiert einen Wechsel. Eigentlich haben die Teams keinen Trainer, doch der 44-Jährige ist die Ausnahme. Ohne ihn gäbe es dieses Spiel nicht. Er organisiert die Mannschaften, bucht die Plätze und sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft.
Die Liga, in der Pertew aktiv ist, heißt NYC Footy. Sie wurde 2010 gegründet und ist inzwischen eine der größten Amateur-Fußballligen der Stadt. Das Besondere: Es gibt keine festen Vereine. Spieler melden sich einzeln an und werden per Zufallsprinzip in Teams eingeteilt. Jede Saison gibt es neue Mannschaften, neue Mitspieler. Das System fördert die Durchmischung und senkt die Hemmschwelle für Neueinsteiger.
60.000 Spieler und ein Bürgermeister
Laut Angaben der Liga nehmen inzwischen rund 60.000 Menschen regelmäßig an den Turnieren teil. Das ist mehr als die Mitgliederzahl vieler deutscher Fußballverbände. Sogar der amtierende Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, hat schon auf dem Platz gestanden. „Fußball verbindet die Menschen in dieser Stadt auf eine Weise, die ich selten erlebt habe“, sagte Mamdani bei einem Besuch eines Turniers im Central Park. „Es ist ein Sport für alle, unabhängig von Herkunft oder sozialem Status.“
Die Spiele finden auf öffentlichen Plätzen statt, oft mitten in der Stadt. Die Plätze sind meist Kunstrasen, gut beleuchtet und kostenlos nutzbar. Die Liga finanziert sich über Startgebühren und Sponsoren. Ein Team besteht aus sieben Feldspielern plus Torwart. Gespielt wird ohne Abseits, was das Tempo erhöht. Die Saison dauert acht Wochen, gefolgt von Playoffs.
Was Berlin von New York lernen kann
In Berlin gibt es ebenfalls eine lebendige Fußballszene, aber sie ist stark vereinsgebunden. Wer kicken will, muss oft einem Verein beitreten, Mitgliedsbeiträge zahlen und sich an feste Trainingszeiten halten. Das schreckt viele ab, besonders Menschen mit wenig Zeit oder flexiblen Arbeitszeiten. Die New Yorker Liga zeigt, dass es auch anders geht: unkompliziert, spontan und ohne langfristige Verpflichtungen.
„Das System von NYC Footy könnte auch in Berlin funktionieren“, sagt Sportsoziologe Dr. Markus Klein von der Freien Universität Berlin. „Die Nachfrage nach niedrigschwelligen Angeboten ist groß. Viele wollen einfach nur kicken, ohne gleich einem Verein beizutreten. Die Stadt müsste nur mehr öffentliche Plätze zur Verfügung stellen und die Organisation erleichtern.“
Ein weiterer Vorteil des New Yorker Modells: Die Integration von Migranten. In den Teams spielen Menschen aus über 50 Nationen. Fußball wird zum Schmelztiegel. „Ich habe Freunde aus aller Welt gefunden“, sagt Pertew. „Das ist das Schöne an diesem Sport.“
Herausforderungen und Grenzen
Doch das Modell hat auch Nachteile. Ohne feste Vereine gibt es keine Jugendarbeit, keine Trainerausbildung und keine langfristige Entwicklung. Die Liga lebt von der Spontanität, aber auch von der Unverbindlichkeit. Kritiker bemängeln, dass das Niveau oft niedrig ist und es an Struktur fehlt. „Für den Breitensport ist das großartig, aber für den Leistungssport taugt es nicht“, sagt Klein.
In New York selbst gibt es Bestrebungen, die Liga zu professionalisieren. Einige Spieler haben Verträge bei semiprofessionellen Clubs ergattert. Doch der Kern bleibt amateurhaft. Für Berlin wäre eine Mischung denkbar: bestehende Vereine öffnen sich für lose Spielgemeinschaften, die Stadt stellt mehr Plätze zur Verfügung, und eine zentrale Plattform vermittelt Spieler.
Fazit: Ein Modell mit Potenzial
Der Fußball-Boom in New York zeigt, dass der Sport auch ohne starre Vereinsstrukturen funktioniert. Berlin könnte davon profitieren, wenn es mutig genug ist, neue Wege zu gehen. 60.000 Menschen regelmäßig in Bewegung zu bringen – das ist eine Zahl, die auch deutsche Städte beeindrucken sollte.



