Lennart Karl: Der Aufstieg eines Ausnahmetalents
Zehn Monate sind im Profifußball eine halbe Ewigkeit. In dieser Zeitspanne entscheiden sich Titel, Abstiege und Pokalsiege. Für Lennart Karl reichten diese zehn Monate, um sich nicht nur in den Kader der deutschen Nationalmannschaft für die bevorstehende Weltmeisterschaft in Nordamerika zu spielen, sondern nach seinem überragenden Auftritt beim 4:0-Sieg gegen Finnland am Sonntagabend in Mainz sogar den Sprung in die Stammelf zu schaffen.
Der Unterschiedsspieler gegen Finnland
Beim letzten Testspiel vor dem Turnier war der 18-jährige Münchner einer der auffälligsten Akteure. Zwar stand nach Schlusspfiff vor allem Deniz Undav im Rampenlicht, der zwei Tore erzielte und eine Vorlage beisteuerte, doch Karl erhielt ebenfalls verdiente Anerkennung. In einer zunächst verhaltenen Vorstellung der Nagelsmann-Elf war der Offensivspieler des FC Bayern das belebende Element. Während Undav in vielen Phasen noch unbeteiligt wirkte, lief nahezu jeder Angriff über die rechte Seite und Lennart Karl. Bundestrainer Julian Nagelsmann lobte: „Er hat es heute gut gemacht, viel probiert, war viel unterwegs und hatte viele Eins-gegen-eins-Situationen.“
Nagelsmanns Spielidee und Karls Rolle
Auch wenn der schwache Gegner Finnland nur bedingt Rückschlüsse auf das Leistungsvermögen des deutschen Teams zulässt, gab das Testspiel Aufschluss über Nagelsmanns taktische Ausrichtung in den USA, Mexiko und Kanada. Das Prunkstück ist eine unberechenbare Offensive. Mit Nathaniel Brown und Felix Nmecha setzt Nagelsmann auf offensivere Spieler als die Konkurrenz. Brown agierte als Linksverteidiger eher im linken Halbraum, Nmecha auf rechts mit vielen Wegen ins letzte Drittel. Joshua Kimmich baute aus der Tiefe auf. Diese Grundausrichtung ähnelt der der Bayern und ist für Gegner schwer zu greifen. Mit Spielern wie Jamal Musiala, Florian Wirtz und Karl, die alle Freiheiten erhalten, ist Spektakel vorprogrammiert. Musiala und Wirtz begeisterten mit Doppelpässen auf engstem Raum, Karl überzeugte mit Mut am Ball, Dynamik und Eifer in der Rückwärtsbewegung. „Er ist ein sehr guter Spieler und hat in seinen jungen Jahren ein brutales Selbstbewusstsein. Er hat keine Angst vor nichts und niemandem, das finde ich top“, sagte Undav über den Youngster.
Entscheidende Beteiligung an drei Toren
Karl war an drei der vier Tore beteiligt. Beim 1:0 führte er eine Ecke schnell zu Kimmich, der Undav am zweiten Pfosten fand. Das dritte Tor leitete er mit einem Tempodribbling und perfektem Steckpass auf Undav hinter die Kette ein. Auch der vierte Treffer entstand, weil Karl mutig ins Eins-gegen-eins am rechten Flügel ging. In den Katakomben gefragt, ob er sich nun in die Startelf gespielt habe, antwortete Karl: „Ich hoffe natürlich schon.“
Frech, unbekümmert und mutig
Bei seinem Startelfdebüt erfüllte Karl die Rolle, die Nagelsmann bei der Kaderbekanntgabe beschrieben hatte: frech, unbekümmert und mutig. „Immer Vollgas geben in jeder Aktion. Nicht die Leute verarschen, aber den Spielwitz aus meiner Jugend mitnehmen“, so Karl. Dass seine Jugendzeit erst ein Jahr zurückliegt, hilft ihm, da er nicht die Last früherer Turniere trägt. Als Deutschland bei der WM in Katar in der Gruppenphase ausschied, war Karl gerade 14 und wenige Monate zuvor in die Jugendakademie des FC Bayern gewechselt.
Noch Luft nach oben
Karls Spiel ist noch nicht perfekt. In der ersten Halbzeit blieb er oft mit Dribblings hängen, spielte Fehlpässe oder presste nicht aggressiv genug. Dennoch zeigte er, dass er bei seinem ersten großen Turnier direkt die beste Option auf der rechten Seite sein könnte. Nagelsmann betont: „Er muss die Dinge verarbeiten, die auf ihn einprasseln, das ist eine der größten Herausforderungen in seinem Alter. Fußballerisch bringt er aber alles mit, um für Furore zu sorgen.“



