Schon vor den vergangenen drei WM-Endrunden fiel Manuel Neuer mit Verletzungen aus, konnte dann aber stets rechtzeitig spielen. Auch diesmal deutet vieles auf eine glimpfliche Entwicklung hin. Der Torhüter des FC Bayern München hatte sich am letzten Bundesligaspieltag wegen Wadenproblemen auswechseln lassen müssen. Seit fast drei Wochen arbeitet er nun an seiner Fitness für das Comeback in der Nationalmannschaft.
Das wichtigste Detail entging dem Kameramann
Während der Vorbereitung in Herzogenaurach war Neuer nur selten öffentlich zu sehen. Bei der einzigen öffentlichen Trainingseinheit der deutschen Nationalspieler filmte ein Kameramann gewissenhaft das Geschehen auf dem Rasen. Doch das wichtigste Detail spielte sich daneben ab: Hinter den Scheiben des Fitnessraums absolvierte Neuer sein individuelles Programm. Als er das Gym verließ und Richtung Quartier verschwand, verpasste der Kameramann diesen Moment. Sein Redakteur belehrte ihn freundlich, aber bestimmt: Er müsse seine Augen überall haben, vor allem bei Manuel Neuer. „Das ist das Thema“, sagte der Redakteur.
Mehr als eine Woche ist seitdem vergangen. Die Nationalmannschaft weilt nun in Chicago, wo sie am Samstag (20.30 Uhr, RTL) gegen den WM-Gastgeber USA ihr letztes Testspiel bestreitet. Manuel Neuer bleibt das beherrschende Thema. Bundestrainer Julian Nagelsmann erntete für seine Entscheidung, Neuer als Nummer eins zu nominieren, Kritik von außen. Intern jedoch wurde diese Festlegung nie infrage gestellt. In der Nationalmannschaft besitzt der Torhüter eine starke Lobby, besonders bei seinen Kollegen vom FC Bayern. „Die Diskussion ist mir viel zu negativ behaftet“, sagte Joshua Kimmich, der Neuer als Kapitän nachgefolgt ist. „Rein sportlich dürfte es sie gar nicht geben. Manu ist der beste Torhüter aller Zeiten und immer noch einer der besten der Welt.“
Mit harten Fakten lässt sich das für die abgelaufene Saison nicht zweifelsfrei belegen. Dennoch profitiert Neuer von seinem Ruf und seiner Aura. Nicht einmal die Zweifel um seinen Gesundheitszustand und seine immer häufiger auftretenden Zipperlein haben dem etwas anhaben können. „Mit Manu sind wir besser als ohne Manu“, sagte Nagelsmann.
Langsame Rematerialisierung
Während der Vorbereitung in Herzogenaurach war Neuer wie ein Phantom der Nationalmannschaft. Nur einmal trat er öffentlich auf – bei einer Autogrammstunde des DFB-Ausrüsters Adidas. Doch nun scheint er sich langsam zu rematerialisieren, gerade rechtzeitig. Die Frage ist: Schon rechtzeitig für den Test gegen die USA oder erst rechtzeitig zum ersten WM-Gruppenspiel gegen Curaçao? Bisher gibt es keine verlässliche Aussage, ob Nagelsmann mit seiner designierten Nummer eins für die Partie gegen die USA plant.
Als die Nationalmannschaft am Tag vor dem Abflug in die USA auf dem DFB-Campus ein halböffentliches Mini-Testspiel gegen Finnland absolvierte, tauchte Neuer erstmals wieder auf. Noch vor dem Warmmachen seiner Kollegen saß er auf einem roten Gymnastikball und ließ sich von den Torwarttrainern Bälle zuwerfen, die er mit den Händen abwehrte – sitzende Tätigkeit. Anfang der Woche, bei der Abschlusseinheit vor dem Flug, war er erstmals wieder auf dem Trainingsplatz zu sehen. Der 40-Jährige konnte nicht nur im Sitzen Übungen absolvieren, sondern auch im Stehen und Laufen. Am Donnerstag postete er auf Instagram einen kurzen Videoschnipsel, der ihn beim Torwarttraining in Chicago zeigte.
„Bei Manuel müssen wir uns keine Sorgen machen“, hatte Nagelsmann bereits am ersten Tag in Herzogenaurach gesagt. Und tatsächlich deuten alle Indizien auf eine Punktlandung Neuers hin – wieder einmal.
Timing-Gefühl wie bei früheren Turnieren
Torhüter benötigen generell ein Gefühl für das richtige Timing. Bei Neuer scheint dieses besonders in WM-Jahren ausgeprägt zu sein. Schon vor den vorangegangenen drei Endrunden war er mit Verletzungen ausgefallen und dann im entscheidenden Moment wieder fit. Vor der WM in Katar fehlte er knapp einen Monat wegen einer Schultereckgelenksprengung. Dramatischer war es vor der WM 2018, als er wegen eines Mittelfußbruchs fast die gesamte Saison verpasste. Sein Comeback feierte er erst im letzten Testspiel vor der WM. Dennoch setzte Bundestrainer Joachim Löw in Russland auf Neuer, obwohl Marc-André ter Stegen als erstklassiger Ersatz zur Verfügung stand.
Vor der WM 2014 durfte Neuer beim ersten Training in Brasilien seinen rechten Arm nicht über die lädierte Schulter hinausheben. Damals profitierte er von seinem Ruf, der maßgeblich vom Gewinn des WM-Titels herrührte. Aber auch bei diesem Turnier stand seine Teilnahme lange auf der Kippe, nachdem er sich im DFB-Pokalfinale einen Kapseleinriss in der rechten Schulter zugezogen hatte. Normale Regenerationszeit: sechs bis acht Wochen. Bis zum ersten WM-Spiel waren es nur drei. In der gesamten Vorbereitung konnte Neuer kein einziges Mal mit der Mannschaft trainieren, und beim ersten Training in Brasilien durfte er seinen Arm nicht über Schulterhöhe heben. Trotzdem sagte Hansi Flick, Löws Co-Trainer: „Wir sind guter Dinge, dass er im ersten Spiel einsatzbereit ist.“ Erst acht Tage vor dem Gruppenspiel gegen Portugal konnte Neuer wieder torwartspezifische Übungen absolvieren, sechs Tage vor dem WM-Auftakt kehrte er ins Mannschaftstraining zurück. Anschließend bestritt er alle sieben Spiele bis zum WM-Titel.
Im Vergleich zu 2014 ist die aktuelle Verletzung – laut Nagelsmann eine kleine Verhärtung in der Wade – fast eine Lappalie. Der Bundestrainer zweifelt nicht daran, dass auch diesmal alles gut ausgehen wird, Neuer ihm rechtzeitig zur Verfügung steht und trotz fast zwei Jahren Pause seit seinem 124. Länderspiel keine lange Eingewöhnungszeit braucht. „Er kennt ja alle“, sagte Nagelsmann. „Er ist jetzt kein Neuling, er ist ein Rückkehrer.“



