Forschungserkenntnisse: Was extrem alte Menschen so widerstandsfähig macht
Warum erreichen manche Menschen ein Alter von weit über 100 Jahren? Diese faszinierende Frage beschäftigt die Altersforschung seit vielen Jahrzehnten intensiv. Ein aktueller Fachartikel liefert nun neue und aufschlussreiche Erkenntnisse zu diesem Thema. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht eine bemerkenswerte brasilianische Gruppe, die aus mehr als 100 Personen besteht, die mindestens 100 Jahre alt sind. Darunter befinden sich sogar 20 sogenannte Superhundertjährige, also Menschen, die das stolze Alter von 110 Jahren oder mehr erreicht haben.
Immunsystem zeigt erstaunliche Leistungsfähigkeit
Der Fachartikel wurde in der renommierten Zeitschrift „Genomic Psychiatry“ veröffentlicht und von Forschern der Universität São Paulo unter der Leitung der Humangenetikerin Mayana Zatz verfasst. In ihrer Arbeit bündeln die Wissenschaftler bisherige Forschungsergebnisse mit eigenen genetischen Analysen sowie laufenden Untersuchungen. Brasilien erweist sich dabei als besonders wertvoll für die Altersforschung, weil die Bevölkerung eine stark gemischte genetische Herkunft aufweist, die bisher kaum systematisch erforscht wurde.
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Bei extrem langlebigen Menschen bleibt das Immunsystem erstaunlich leistungsfähig. Bestimmte spezialisierte Abwehrzellen können auch im hohen Alter virusinfizierte oder entartete Zellen zuverlässig erkennen und bekämpfen. Diese Form der Immunüberwachung steht bei sehr alten Menschen mit einer geringeren Anfälligkeit für bestimmte Alterserkrankungen in direktem Zusammenhang.
Genetische Besonderheiten und familiäre Faktoren
Wie stabil und effektiv dieses Schutzsystem sein kann, zeigte sich eindrucksvoll während der Corona-Pandemie. Einige der brasilianischen Superhundertjährigen überlebten eine Covid-19-Infektion – und das noch bevor Impfstoffe überhaupt verfügbar waren. Zudem offenbaren genetische Analysen von Superhundertjährigen weltweit oft seltene Varianten im Erbgut. Diese kleinen, aber bedeutsamen Unterschiede hängen mit einer besseren Energieversorgung der Zellen sowie der effizienten Reparatur von Erbgutschäden zusammen. Diese Mechanismen wurden nun auch in der brasilianischen Gruppe detailliert untersucht und bestätigt.
Ein anschaulicher Fall aus der untersuchten Gruppe: Eine 109-jährige Frau hatte drei Nichten, die ebenfalls ihren 100. Geburtstag feiern konnten. Die Autoren werten dies als einen klaren Hinweis auf mögliche familiäre Faktoren, die ein extrem langes Leben begünstigen können. Eine weitere Besonderheit der brasilianischen Gruppe: Sie umfasst auffällig viele extrem alte Männer. Laut den Forschern stammen drei der zehn ältesten Männer der Welt aus Brasilien. Normalerweise erreichen meist Frauen dieses extreme Alter, was die brasilianische Ausnahme besonders interessant macht.
Bedeutung der genetischen Vielfalt
Besonders wichtig ist dabei die enorme genetische Vielfalt in Brasilien. Durch sie finden sich dort viele Erbgut-Varianten, die in internationalen Datenbanken bisher kaum vertreten sind. Diese Vielfalt könnte eine entscheidende Erklärung dafür liefern, warum Menschen so unterschiedlich auf Krankheiten und verschiedene Belastungen reagieren. Die Autoren des Fachartikels betonen jedoch, dass es sich bei ihren Ergebnissen überwiegend um beobachtende Zusammenhänge handelt und weitere vertiefende Studien unbedingt notwendig sind, um die genauen Mechanismen vollständig zu verstehen.



