Wenn am Freitagabend alles gut geht, sieht Jörn Hartwig den Namen seiner Firma D-LABS am Himmel über dem Potsdamer Hafen flimmern. Zum 20-jährigen Firmenjubiläum lädt der Geschäftsführer rund 300 Gäste zur Feier auf der MS Sanssouci ein. Ein Feuerwerk hat er ebenfalls organisiert.
Eine Erfolgsgeschichte, die viele nicht kennen
Für Hartwig ist das mehr als eine Geburtstagsfeier. Die Geschichte seiner Firma erzählt auch, wie Potsdam zu einem wichtigen Digitalstandort wurde. 2006 gründete Jörn Hartwig die Firma D-LABS, Hasso Plattner beteiligte sich später daran. Heute berät das Unternehmen Bundesbehörden und internationale Konzerne wie SAP oder JP Morgan. Trotzdem wissen viele Potsdamer nicht, was die Firma eigentlich macht.
Zwei Tage vor der Jubiläumsfeier führt Hartwig durch die fast leere Büroetage seiner Firma in Babelsberg. Das Firmenlogo im Flur an der Wand hat er, als alles begann, selbst aus einer Sperrholzplatte ausgesägt und blau angestrichen. Heute beschäftigt D-LABS 32 Menschen, etwa 20 davon in Potsdam. Die meisten arbeiten im Homeoffice.
Vom Hacker zum Geschäftsführer
Die Idee hinter D-LABS entstand lange vor der Firmengründung. Um die Jahrtausendwende beschäftigte Hartwig eine Frage: Warum scheitert gute Technologie so oft am Menschen? Damals studierte er tagsüber Software Systems Engineering am Hasso-Plattner-Institut, nachts saß er vor dem Computer und suchte im Internet nach Sicherheitslücken großer Firmen. Sein Ziel war es nicht, Unternehmen oder Menschen zu schaden. „Ich wollte verstehen, wie diese komplexen, digitalen Systeme funktionieren“, erzählt er.
Fand er eine Sicherheitslücke auf der Website eines Unternehmens, bot er diesem an, diese für „ein Schreiben für den Lebenslauf“ aufzudecken. Wie angreifbar Firmen zu dieser Zeit waren, wurde ihm klar, als er bei einem großen Online-Auktionshaus einen Fehler entdeckte, über den er massenhaft fiktive Angebote hätte einstellen können. „Ich hätte den ganzen Laden lahmlegen können“, sagt er.
Hartwig fragte sich, was die fehlerhaften Systeme, die er gehackt hatte, gemeinsam hatten. Er kam auf eine einfache Formel: „Der Mensch ist die Ursache“, erklärt er. Software sei bis dahin oft an den Bedürfnissen ihrer Nutzerinnen und Nutzer vorbeientwickelt worden, meint er. Je größer und komplexer ein digitales System wird, desto schwieriger ist es zu verstehen.
Softwareentwicklung trifft Design
Hartwig wollte deshalb die Software und ihre Bedienung vereinfachen. Nicht die Technologie sollte den Menschen vorgeben, wie sie zu arbeiten haben, sondern digitale Produkte sollten sich an den Bedürfnissen ihrer Nutzer orientieren. Dass diese Idee Potenzial hatte, zeigte wenig später das iPhone. Smartphones gab es schon vorher, doch erst Apple machte deutlich, wie entscheidend Gestaltung und intuitive Bedienbarkeit für den Erfolg von Technologie sein können. Diese Idee, die Kombination aus Design und Technologieentwicklung, wollte Hartwig auf die Softwareentwicklung übertragen.
Um zu verstehen, welche Anforderungen seine Kunden an Software hatten, stellte D-LABS 2007 erste Psychologen ein, deren Ergebnisse in den Entwicklungsprozess integriert wurden. „Wir waren die ersten, damals wurden wir dafür noch ausgelacht“, behauptet er. Heute machen Psychologen ein Drittel von Hartwigs Belegschaft aus.
Potsdam als Digitalstandort
D-LABS war in Europa einer der ersten mit diesem Ansatz. Potsdam war als Digitalstandort hingegen noch unbekannt. „Potsdam war nicht bewusst, was es hat“, sagt Hartwig. Die Stadt warb damals nicht mit der Expertise der vielen kleinen und großen IT-Unternehmen, die sich hier angesiedelt hatten. „Wir hatten sogar Probleme, Leute zu finden, weil niemand Potsdam kannte“, erzählt er.
2012 gründete er mit befreundeten Unternehmern die Initiative „Silicon Sanssouci“, mit der sie regionale IT-Unternehmen miteinander vernetzen wollten. „Ein großer Standort wie Berlin ist anonym“, sagt Hartwig. „Aber hier kennt man sich, man hilft sich und fühlt sich verbunden – mit den Kollegen und mit der Stadt.“
D-LABS ist heute eine Mischung aus Softwareentwicklung, Designbüro und Unternehmensberatung. Für die kommenden Jahre sieht Hartwig Wachstumspotenzial im asiatischen Markt und möchte mit kleinen Teams nach China expandieren. Der „Faktor Mensch“, meint Hartwig, werde dort in der Softwareentwicklung noch zu wenig berücksichtigt.
„Im Grunde steckt IT heute in allem, was wir sehen“, sagt Hartwig. D-LABS scheint auf einem guten Weg zu sein. Im Büroflur liegt bereits der rote Teppich für die Jubiläumsfeier ausgerollt.



