KI könnte größte Vermögensverschiebung der Geschichte auslösen
KI als Ungleichheitsmaschine: Historische Vermögensverschiebung

Eine neue wissenschaftliche Analyse prognostiziert, dass Künstliche Intelligenz (KI) die größte Vermögensverschiebung der Geschichte auslösen könnte. Der Stanford-Sozialwissenschaftler Philip Trammell und der Informatiker Dwarkesh Patel warnen in ihrem Aufsatz „Capital in the 22nd Century“ vor einem drastischen Anstieg der Ungleichheit. Deutschland sei auf diese Entwicklung schlecht vorbereitet, warnt der Ökonom Daniel Stelter im Gespräch mit Trammell.

Die Kernaussage: Piketty lag falsch – aber vielleicht hat er recht für die Zukunft

In ihrem Ende Dezember 2025 veröffentlichten Papier formulieren Trammell und Patel einen Satz, der die Verteilungsdebatte der nächsten Jahrzehnte prägen könnte: „Piketty was wrong about the past. He’s probably right about the future.“ Gemeint ist der französische Ökonom Thomas Piketty, Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Während Pikettys Prognosen für die Vergangenheit nicht zutrafen, könnten sie durch KI für die Zukunft Wirklichkeit werden.

Der MIT-Professor und Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu teilt die Befürchtung: Ein immer größerer Teil der Wertschöpfung werde den Kapitalbesitzern zufallen, ein immer kleinerer Teil den Arbeitnehmern. Trammell und Patel gehen noch weiter und analysieren die drei Mechanismen der Ungleichheitsspirale.

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Drei Mechanismen treiben die Ungleichheit

Erstens: die Privatisierung der Renditen. KI und Robotik verändern das Komplementaritätsverhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Bislang ergänzten sich beide Faktoren – Maschinen machten Arbeiter produktiver. Wenn Maschinen jedoch Arbeit vollständig ersetzen, werden Kapital und Arbeit zu Substituten. Die Kapitalquote steigt nachhaltig, die Lohnquote fällt. Die Renditen fließen dann fast ausschließlich den Kapitaleignern zu.

Zweitens: das Ende des internationalen Aufholens. Entwicklungsländer könnten den Anschluss verlieren, wenn KI-gestützte Produktion in Industrieländern die Lohnkostenvorteile ärmerer Länder zunichtemacht. Drittens: das Ende des Generationenausgleichs. Wenn Kapitalerträge die Arbeitseinkommen dominieren, vererbt sich Ungleichheit über Generationen hinweg ungebremst.

Gini-Koeffizient könnte auf 0,95 steigen

Die Forscher schließen nicht aus, dass der Gini-Koeffizient der US-Einkommensverteilung von heute 0,42 auf 0,95 steigt. Ein Gini-Koeffizient von 0 bedeutet völlige Gleichheit, ein Wert von 1 maximale Ungleichheit. „Ein Koeffizient von 0,95 ist eine Größenordnung, die wir nirgendwo auf der Welt jemals gemessen haben“, sagt Daniel Stelter. Für Deutschland zeichne sich eine ähnliche Entwicklung ab, wenn auch zeitlich verzögert.

„Die Politik muss jetzt handeln, um die Verteilungswirkungen von KI zu steuern“, fordert Stelter im Podcast „Beyond the obvious“. „Sonst droht eine Spaltung der Gesellschaft, die alle bisherigen Erfahrungen übertrifft.“

Reaktionen und Einordnung

Der Aufsatz von Trammell und Patel hat in der Wirtschaftswelt bereits für Aufsehen gesorgt. Auch das Investmentbanking greift das Thema auf: In einem Interview mit Goldman Sachs Global Investment Research vom Juni 2026 warnte Daron Acemoğlu vor einem „KI-Job-Apokalypse“-Szenario. Die Debatte um die Verteilungseffekte von KI dürfte damit in den kommenden Jahren weiter an Fahrt gewinnen.

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