KI im Job: Wie künstliche Intelligenz zu Kompetenzverlust führt und was dagegen hilft
KI im Job: Kompetenzverlust durch künstliche Intelligenz

KI im Beruf: Denkfaulheit oder effiziente Unterstützung?

Wann haben Sie zuletzt eine wichtige E-Mail komplett ohne Hilfe künstlicher Intelligenz verfasst? Oder ein umfangreiches Dokument wirklich selbst gelesen, statt sich die Zusammenfassung von einem Chatbot erstellen zu lassen? Diese Fragen stellen sich für immer mehr Berufstätige in Deutschland.

Studie zeigt alarmierende Tendenz

Eine repräsentative Umfrage des Pinktum Instituts unter 1.550 Erwerbstätigen in Deutschland offenbart: 80 Prozent nutzen zumindest gelegentlich KI im Job. Während viele die Technologie für wichtige Inhalte einsetzen, gibt fast die Hälfte (43 Prozent) der KI-Nutzer zu, die Tools auch deshalb zu verwenden, weil sie „selten Lust haben, sich tiefer in Themen einzuarbeiten“.

Diese Entwicklung wirft eine entscheidende Frage auf: Überlassen wir im Beruf zunehmend der KI das Denken und werden dadurch immer inkompetenter? Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Deskilling“ – dem schleichenden Kompetenzverlust durch übermäßige KI-Nutzung.

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Was bedeutet Deskilling konkret?

Josephine Hofmann, Leiterin des Teams Zusammenarbeit und Führung am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, erklärt: „Deskilling beschreibt den potenziellen Kompetenzverlust durch den zunehmenden Einsatz von KI.“ Sie unterscheidet zwei problematische Entwicklungen:

  • Menschen können bereits erworbene Fähigkeiten verlernen
  • Bestimmte Kompetenzen werden durch KI-Einsatz gar nicht mehr aufgebaut

Besonders kritisch sieht Hofmann den Verlust grundlegender Fähigkeiten: „Texte lesen, verstehen und kritisch bewerten, oder selbst schreiben und dadurch neues Wissen erzeugen – das sind Tätigkeiten, die man lernen und üben muss.“

Studien belegen negative Korrelationen

Die Forschungslage ist zwar noch dynamisch, doch erste Studien zeigen deutliche Zusammenhänge. Eine Untersuchung der SBS Swiss Business School ermittelte einen stark negativen Zusammenhang zwischen häufiger KI-Nutzung und kritischem Denkvermögen.

Hofmann warnt: „Wenn KI solche Aufgaben zunehmend übernimmt, fehlt genau diese Übung. Auch das Gefühl, sich etwas selbst erarbeitet zu haben, geht teilweise verloren – was sich auf Motivation und Lernbereitschaft auswirken kann.“

Bequemlichkeit und Beschleunigungsdruck als Treiber

Die Attraktivität von KI liegt auf der Hand: Sie spart Zeit und Aufwand. Doch genau diese Effizienz kann zum Problem werden. „Die Menschen verlieren latent die kognitive Aktivierung“, beobachtet Hofmann. Ein wesentlicher Faktor sei dabei der „unglaubliche Beschleunigungsdruck“ in der modernen Arbeitswelt.

Bildungswissenschaftlerin Carina Ebli-Korbel ergänzt: „Das birgt die Gefahr, dass wir zentrale Kompetenzen schleichend verlernen.“ In der Pinktum-Umfrage geben zwar über 70 Prozent an, KI-Ergebnisse „meistens“ zu überprüfen. Doch wer sich blind auf die Technologie verlässt, riskiert ernsthafte Konsequenzen.

Risiken und blinde Flecken

Josephine Hofmann beobachtet einen gefährlichen Trend: „Leute agieren eher vom Verstehen hin zum Delegieren.“ Wenn Aufgaben zunehmend an KI ausgelagert werden, entstehen mehrere Risiken:

  1. Durch Kompetenzverlust werden KI-generierte Fehler schlechter erkannt
  2. Die Fähigkeit zur Qualitätssicherung nimmt ab
  3. Es entstehen blinde Flecken bei Argumentationen und Analysen

„Dann ist man nicht wirklich in der Lage, Qualitätssicherung zu betreiben“, warnt Hofmann eindringlich.

Gegenstrategien für bewussten KI-Einsatz

Die gute Nachricht: Dem Kompetenzverlust lässt sich entgegenwirken. Entscheidend ist der bewusste Umgang mit der Technologie. Hofmann empfiehlt: „Wir können KI mittlerweile auch durchaus nutzen, um unsere eigenen Denkprozesse zu unterstützen.“ Sie plädiert dafür, KI als Denkpartner zu sehen, der herausfordert und Fragen stellt.

Gleichzeitig betont sie die Notwendigkeit, grundlegende Fähigkeiten regelmäßig ohne KI zu trainieren – auch wenn dies mehr Zeit kostet. Hier sieht sie auch Arbeitgeber in der Pflicht: „Dazu müssten Arbeitgeber zeitliche und führungsseitige Ressourcen bereitstellen.“

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Persönliche Verantwortung und praktische Tipps

Carina Ebli-Korbel sieht die Hauptverantwortung beim Einzelnen: „Organisationen können nur Bewusstsein schaffen.“ Die Bildungsexpertin rät Berufstätigen zu konkreten Maßnahmen:

  • Bestimmte Aufgaben bewusst nicht an KI auslagern
  • Regelmäßig E-Mails selbst formulieren, besonders wenn es um Denkprozesse geht
  • Bei Wissensfestigung selbst lesen und reflektieren

„Wenn ich Wissen für mich selbst festigen möchte, muss ich selbst lesen und das Erlernte reflektieren“, so Ebli-Korbel.

KI als Chance für Kompetenzgewinn

Interessanterweise kann KI bei richtiger Anwendung auch Kompetenzen stärken. „Was man verlieren kann, kann man auch gewinnen“, betont Ebli-Korbel. So lasse sich etwa Kreativität fördern, indem man KI-generierte Ergebnisse als Ausgangspunkt nimmt und sie eigenständig weiterentwickelt.

Arbeitspsychologe Markus Langer erklärt in der Zeitschrift „Psychologie Heute“: „Gezielte KI-Nutzung kann dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu erweitern.“ Wer KI-Vorschläge kritisch hinterfragt und ergänzt, trainiert damit das eigene Urteilsvermögen.

KI kann zudem helfen, schneller in neue Themen einzusteigen oder Wissenslücken aufzudecken. Richtig eingesetzt, wird die Technologie so zum Trainingspartner für gezieltes Upskilling – also für das Erweitern von Fähigkeiten.

Offenheit statt Angst

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist laut Experten die Offenheit gegenüber neuen Technologien. Diese erleichtert es, positive Aspekte zu erkennen und sich nicht von Ängsten bremsen zu lassen. Carina Ebli-Korbel warnt: „Angst hemmt uns, uns weiterzuentwickeln.“

Nur wer in die eigene Weiterentwicklung investiert und KI bewusst als Werkzeug einsetzt, kann langfristig von der Technologie profitieren, ohne grundlegende Kompetenzen zu verlieren. Die Balance zwischen effizienter Unterstützung und eigenständigem Denken bleibt die größte Herausforderung im KI-Zeitalter.