Die Stimme Münchens warnt vor KI: „Das wäre ein Todesurteil“
Seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet ihre Stimme Millionen Münchner durch den Alltag: Sabine Bundschu, Jahrgang 1959, ist als Sängerin, Schauspielerin und Sprecherin die akustische Identität der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG). In einem exklusiven Interview spricht die Künstlerin nun über ihre außergewöhnliche Karriere, eine lebensbedrohliche persönliche Krise – und die existenzielle Bedrohung, die Künstliche Intelligenz für echte Stimmen darstellt.
32 Jahre als akustisches Wahrzeichen
An der U-Bahnhaltestelle Implerstraße, unweit ihres Wohnortes, trifft man auf eine Frau, deren Stimme jeder Münchner kennt. Seit 1992 hören Fahrgäste in Bus, Tram und U-Bahn ihre Ansagen auf Deutsch und Englisch. „Am Anfang war es schon komisch“, erinnert sich Bundschu. „Ich bin die Erste, die überhaupt die Stationen in München eingesprochen hat – die erste Generation Computerchip.“
Die vielseitige Künstlerin, die mit Größen wie Udo Lindenberg, Nina Hagen und Thomas Gottschalk auf der Bühne stand, hat ihre Stimme bewusst gestaltet: „Ich habe meine Stimmfarbe so angepasst, dass sie angenehm klingt und nicht stört. Ich wollte, dass derjenige oder diejenige auch nach zehn Jahren nicht von der Stimme genervt ist.“
Von der Bühne in die U-Bahn
Bundschus Karriere begann mit einem Schauspielstudium in Graz, gefolgt von einem Plattenvertrag bei Ralph Siegel und Engagements als Keyboarderin in Thomas Gottschalks Late-Night-Show. Doch ihr Hauptmetier blieb immer die Musik. „Dass mich so viele Millionen Menschen regelmäßig hören, ist ein verrückter Gedanke“, sagt die Künstlerin, deren Stimme unter Tramfahrern den Spitznamen „Susi“ trägt – in Anlehnung an die Stimme der Rudi-Carrell-Show „Herzblatt“.
Lebensbedrohliche Krise und Neuanfang
Ihr Leben war nicht immer nur Erfolg und Anerkennung. 2014 erlitt Bundschu während einer umstrittenen Therapie mit psychedelischen Substanzen in der Schweiz einen schweren Schlaganfall. „Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe und kein Pflegefall geworden bin“, sagt sie heute. Die Erfahrung habe sie nachhaltig geprägt: „Ich habe einen Radar für Narzissten entwickelt und halte mich fern von ihnen – vor allem vor alten, weißen Männern, die glauben, einem alles verkaufen zu können.“
Künstliche Intelligenz als existenzielle Bedrohung
Nun sieht sich die erfahrene Sprecherin mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: der Künstlichen Intelligenz. Die MVG bestätigt bereits Experimente mit KI-Stimmen, auch wenn Bundschus Stimme vorerst erhalten bleiben soll. Doch die Branche steht vor einem Umbruch.
„Ich war zuletzt bei einem Stimmen-Casting der Stadtwerken“, berichtet Bundschu. „Die Idee ist, einmal einzusprechen, um dann mit dem Material für immer von der Künstlichen Intelligenz ersetzt zu werden.“ Sie warnt: „Das wäre ein Todesurteil für alle echten Stimmen.“
Rechtliche Grauzonen und Branchenprotest
Der Verein Deutscher Sprecher hat bereits gegen Netflix geklagt, nachdem in Verträgen Klauseln auftauchten, die die Nutzung von eingesprochenem Material zum Trainieren von KI erlauben. Bundschu fordert neue Regelungen: „Vor allem muss sichergestellt werden, dass Menschen weiterhin vergütet werden für ihre Stimme.“
Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran: „Es ist jetzt schon möglich, dass etwa George Clooney mit seiner eigenen KI-Stimme alle möglichen Sprachen einspricht“, erklärt die Sprecherin. „Noch klingt das lange nicht perfekt. Aber wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit.“
Verwirrung für das Publikum
Langfristig befürchtet Bundschu eine Verwirrung der Zuschauer: „Er wird in Filmen irgendwann nicht mehr unterscheiden können, was echt ist und was mit KI erzeugt worden ist.“ Wichtig sei deshalb der Zusammenhalt der Branche: „Wenn die eine Gruppe aus Protest nicht unterschreibt, dafür aber andere Sprecher die Vertragsbedingungen annehmen, ist niemandem geholfen.“
Für die Stimme Münchens ist klar: Die Entwicklung bedroht nicht nur einzelne Karrieren, sondern die gesamte Kunst des Sprechens. „Ich sehe die Gefahr, dass echte Stimmen irgendwann aussterben“, warnt Sabine Bundschu – während im Hintergrund eine U-Bahn einfährt und ihre vertraute Stimme die nächste Station ansagt.



