Die Pest gilt als eine der schlimmsten Seuchen der Menschheitsgeschichte. Im Mittelalter starben in Europa Millionen Menschen an der Krankheit. Doch eine neue Studie zeigt: Die Pest wütete bereits Jahrtausende früher, als bislang angenommen.
Frühester Nachweis eines tödlichen Pest-Ausbruchs
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen hat im Südosten Sibiriens den bislang frühesten Nachweis eines tödlichen Pest-Ausbruchs gefunden. Die Wissenschaftler untersuchten vier Friedhöfe in der Umgebung des Baikalsees im heutigen Russland. Diese Grabstätten sind zwischen 4900 und 5500 Jahre alt. Das Ergebnis ist erschreckend: Mehr als ein Drittel – 39 Prozent – der dort Bestatteten war mit dem Pest-Erreger Yersinia pestis infiziert.
„Unsere Resultate zeigen, dass diese alten Stämme bereits sehr tödlich waren“, sagt Willerslev. Dies sei in der Wissenschaft zuvor umstritten gewesen. Zwar wurden in Schweden und Lettland etwa 5000 Jahre alte Varianten des Bakteriums entdeckt, doch blieb unklar, wie aggressiv sie waren und ob sie größere Ausbrüche auslösen konnten.
Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren besonders betroffen
Die Forscher rekonstruierten das Erbgut der Pesterreger aus den Zähnen der Toten. Die hohe Zahl an Infektionen werten sie als Hinweis auf eine „katastrophale Sterblichkeit“ unter den damaligen Gruppen, die offenbar in engem Kontakt standen. Viele der Toten wurden vermutlich innerhalb kurzer Zeit bestattet, oft handelte es sich um enge Verwandte wie Geschwister oder Eltern und ihre Kinder.
Auffällig ist, dass auf den beiden größeren Friedhöfen besonders viele Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren bestattet wurden. Menschen zwischen 20 und 35 Jahren waren dagegen kaum unter den Toten. Das Team spekuliert, dass ältere Individuen möglicherweise bereits früher mit der Pest in Kontakt gekommen waren und dadurch einen gewissen Schutz entwickelt hatten. Eine andere Möglichkeit ist, dass Kinder vor der Pubertät aufgrund ihres Immunsystems besonders anfällig waren. Auch die Arbeitsteilung in den Gruppen könnte eine Rolle gespielt haben.
Reservoir in Sibirischen Murmeltieren
Als sicher gilt, dass ein Reservoir des Erregers in Sibirischen Murmeltieren lag, die wegen ihres Fleischs und Fells gejagt wurden. Menschen könnten sich beim Schlachten und Häuten dieser Tiere infiziert haben. Anders als spätere Pest-Erreger wurden die damaligen Bakterien vermutlich nicht durch Flöhe übertragen, da ihnen das entsprechende Gen fehlte.
Die Gruppe vermutet, dass es virulente Pest-Stämme bereits seit 5700 Jahren gegeben haben könnte. „Diese Resultate zeigen, dass Pest-Ausbrüche früher als bisher angenommen vorkamen und tatsächlich tödlich waren.“ Möglicherweise sei die Krankheit in Mittel- oder Nordost-Asien entstanden und habe sich von dort aus in Eurasien verbreitet, über Reservoire in Nagetieren wie Murmeltieren.
Widerlegte Annahmen
Der Fund widerlegt auch die verbreitete Annahme, dass erst die Einführung der Landwirtschaft mit höherer Bevölkerungsdichte und der Gründung von Städten große Pest-Epidemien ermöglicht habe. Zwar gab es im 4. Jahrtausend vor Christus in vielen Regionen Eurasiens bereits Ackerbau, doch in der Baikal-Region lebten die Menschen damals noch als Jäger und Sammler.
Pest-Ausbrüche zählten zu den verheerendsten Epidemien der Menschheitsgeschichte. Beispiele dafür in Europa sind die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert, der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert oder die Große Pest im frühen 18. Jahrhundert. Ihnen fielen jeweils Millionen von Menschen zum Opfer. Bis heute kommt die Krankheit in verschiedenen Weltregionen vor, vor allem in Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Peru, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO).



