Huskys beim Tierarzt: Warum nordische Rassen zur Dramaqueen werden
Lautes Jaulen, dramatisches Singen und klagende Töne – besonders Huskys, Malamutes und andere nordische Hunderassen sorgen beim Tierarzt regelmäßig für Aufsehen. Doch handelt es sich dabei um reine Schauspielerei oder stecken echte Emotionen dahinter? Hundetrainerin Katharina Marioth klärt auf, warum diese Rassen zu solch theatralischen Auftritten neigen.
Genetische Veranlagung: Der Urtyp macht den Unterschied
Laut Katharina Marioth hat das "Drama" weniger mit bewusster Inszenierung zu tun, sondern vielmehr mit genetischen Faktoren. Untersuchungen zeigen, dass Hunde, die genetisch näher am ursprünglichen Hundetyp stehen, über eine größere stimmliche Bandbreite verfügen. "Je mehr Urtyp drinsteckt, desto mehr Variabilität innerhalb der Stimme", erklärt die Expertin und bezieht sich dabei auf die Arbeiten der Verhaltensforscherin Dorit Feddersen-Petersen.
Im Gegensatz zu anderen Rassen wie Terriern, die über eine Vielzahl unterschiedlicher Belllaute verfügen, neigen Huskys und ähnliche Rassen eher zum "Singen" und Jaulen. Diese ausgeprägte Vokalität ist ein charakteristisches Merkmal nordischer Hunde.
Kommunikation durch Klang: Wenn die Mimik nicht ausreicht
Eine interessante Theorie betrifft die mimische Ausdrucksfähigkeit. Viele stark nachgezüchtete Hunderassen besitzen einen zusätzlichen Muskel im Augenbereich, der den berühmten "Welpenblick" ermöglicht. Viele Hunde des Urtyps, darunter Huskys, haben diesen Muskel jedoch nicht. Dadurch können sie sich mimisch weniger differenziert ausdrücken als andere Rassen.
Es wird angenommen, dass diese Hunde das, was ihnen im Gesichtsausdruck fehlt, über ihre Stimme ausgleichen. Heulen, Jaulen und Singen wird so zu einer speziellen Form der Kommunikation, die bei nordischen Rassen besonders ausgeprägt ist.
Lernverhalten: Warum der Tierarztbesuch zum Konzert wird
Die Frage, ob das laute Jaulen beim Krallenschneiden oder anderen tierärztlichen Behandlungen reine Show ist oder mehr dahintersteckt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Oft beginnt dieses Verhalten schon lange vor dem eigentlichen Tierarztbesuch. Viele nordische Hunde stimmen beispielsweise bei Sirenen von Feuerwehr oder Krankenwagen mit ein.
Wenn Halter dieses Verhalten als niedlich empfinden und dem Hund Aufmerksamkeit schenken, lernt der Hund: "Wenn ich heule, passiert etwas." Beim Tierarztbesuch kann sich dieses gelernte Verhalten dann verstärken. Wird die Pfote genommen und der Hund beginnt zu jaulen, folgen häufig Pausen, beruhigende Worte und zusätzliche Aufmerksamkeit – was das Verhalten aus Sicht des Hundes lohnenswert macht.
Interessanterweise erkennt Hundetrainerin Marioth in vielen viralen Social-Media-Videos mit jaulenden Huskys beim Tierarzt selten echte Stresssymptome. Oft handelt es sich eher um erlerntes Verhalten als um echte Angst oder Schmerzen.
Praktische Tipps: Umgang mit dem Jaulen
Für Hundebesitzer stellt sich die Frage, ob man seinem Tier das Jaulen abgewöhnen sollte. Marioth sieht dies pragmatisch: Für den Hund ist Jaulen zunächst einmal normale Kommunikation. Statt das Verhalten komplett zu unterdrücken, empfiehlt sie, gezielt ruhiges Verhalten zu belohnen.
Wichtig ist dabei, keine ungewollte Verhaltenskette aufzubauen. Das bedeutet, nicht erst das Heulen zuzulassen, dann "Sei leise" zu sagen und anschließend die Stille zu belohnen. Besser ist es, von vornherein ruhiges Verhalten zu fördern und zu verstärken.
Die Hundeexpertin rät außerdem, genau zu beobachten, wann das Jaulen auftritt. Jault das Tier auch beim Alleinbleiben, sollte unbedingt geprüft werden, ob äußere Reize wie Sirenen der Auslöser sind oder ob doch echter Stress dahintersteckt. In solchen Fällen kann professionelle Hilfe sinnvoll sein, um das Wohlbefinden des Hundes sicherzustellen.



