Björn Borgs Autobiografie: Ein Leben in Selbstkontrolle
Am 6. Juni 2026 wird Björn Borg 70 Jahre alt. Pünktlich zu diesem Jubiläum und passend zum Finalwochenende der French Open, die er sechsmal gewann und dabei nur zwei Matches verlor, erscheint seine Autobiografie „Herzschlag – Die Geschichte meines Lebens“. Das Buch ist in Ich-Form verfasst, wirkt aber wie ein Bericht aus sicherer Distanz. Dies liegt auch an der Entstehungsgeschichte: Aufgeschrieben hat es Borgs heutige Frau Patricia, die die Dramaturgie ordnet und glättet, ohne den Ton zu verfälschen.
Der Absturz als programmatischer Beginn
Der Text beginnt nicht mit den großen Siegen, sondern mit dem Tiefpunkt: Ein Kollaps Mitte der 1990er-Jahre nach übermäßigem Alkohol-, Drogen- und Tablettenkonsum. Die Folge: Herzstillstand, Wiederbelebung und die Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Sucht das schwerste Match sei. Diese Setzung ist klar, doch Borg bleibt oft bei dieser Oberfläche. Man erfährt, was passiert, aber selten, wie es sich anfühlt. Er wirkt weder sympathisch noch unsympathisch, sondern wie sein damaliges Image: professionell, abgeschirmt, schwer zu lesen.
Die Entstehung des „Eisborg“
Am überzeugendsten ist das Buch dort, wo es die Unnahbarkeit erklärt, ohne sie zu mystifizieren. Die Kindheit in Södertälje, die engen Familienbande, der Ehrgeiz und die endlosen Stunden am Garagentor: Borg beschreibt dies als System aus Wiederholung und Selbstkontrolle. Ein Schlüsselmoment ist der zeitweilige Rauswurf aus dem Verein wegen schlechten Benehmens. Danach reift in ihm der Entschluss, auf dem Platz nie wieder Gefühle zu zeigen. Der „Eisborg“ wird geboren.
Einblicke in die Tenniswelt
Sporthistorisch interessant ist weniger die Nacherzählung der Erfolge als die Mechanik des Aufstiegs: frühe Förderung, Reisen, die Professionalisierung eines Teenagers, der die Schule nur noch als Nebenschauplatz erlebt. Man erhält ein Bild von einer Tenniswelt, in der es noch echte Nähe gab. Borg erwähnt Vitas Gerulaitis, der in Krisen Kontakt hielt, als andere schwiegen. Auch die soziale Seite schimmert durch: Profis, die zusammen feiern gingen, weil sie denselben Job hatten und Spaß miteinander haben wollten.
Der Rockstar-Status wird entromantisiert
Borg behandelt sein eigenes „Rockstar“-Motiv bewusst nüchtern. Er beschreibt das Tourleben als Musikerexistenz: Turnier endet, packen, weiter von einem Hotelzimmer, das aussieht wie das andere, zum nächsten Turnier. „Unser Leben mag auf den ersten Blick glamourös erscheinen, aber es ist eine harte Routine, die nur versteht, wer das selbst mitgemacht hat.“ Damit wird der Rockstar-Status entromantisiert: weniger Exzess als Wiederholung, weniger Freiheit als Fahrplan. Dennoch zeigt er, dass der Zirkus sozial enger war als heute vermutet: Tennisstars aßen mit Popstars, was für Außenstehende schillernd wirkt, für ihn selbst aber Routine war. Borg ist der unfreiwillige Rockstar, der wie seine Kollegen damals erst lernte, wie Öffentlichkeit funktioniert.
Beziehung zu Boris Becker
Aus deutscher Sicht ist der kurze Becker-Strang ein interessanter Gegenwartsanker. Borg beschreibt Becker als Freund, Spiegel und Mitwisser – und lässt dabei bewusst vieles offen. Die geschäftlichen Fehltritte werden benannt, aber kaum ausgeleuchtet; es bleibt beim Muster: zu vertrauensselig, zu schlecht beraten, zu spät gebremst. Ein Satz aus dem Buch bringt den deutschen Leser zum Schmunzeln: „Er nennt mich ‚BB1‘ und sich selbst ‚BB2‘.“ Damit ist die Nähe markiert und zugleich das Milieu: große Namen, die im Privaten plötzlich wie Vereinskameraden klingen.
Begegnungen mit schwedischen Superstars
Es gibt Nebenbefunde, die fast komischer sind als jede Anekdote: Seine Landsleute von ABBA, die schwedischen Pop-Ikonen der Ära, habe Borg trotz Weltstarstatus zu seiner aktiven Zeit nie getroffen. Das passt, weil auch hier die Parallelwelten sichtbar werden: Ruhm als gemeinsame Überschrift, nicht als gemeinsamer Raum.
Der Kampf gegen den Krebs
Dann verschiebt das Buch seinen Fokus weg von der spät erkämpften Abstinenz hin zur nächsten Grenze. Im Schlusskapitel schildert Borg eine Operation nach der Diagnose Prostatakrebs: ein „stiller Feind“, „extrem aggressiv“, ohne Eingriff wäre er gestorben. Der Satz „Krebs kann man nicht wegtrainieren“ lässt die alte Sportlogik offen und voller Wucht gegen die Wirklichkeit prallen.
Fazit: Ein Handbuch der Selbstkontrolle
Bleibt die Form. Dass das Buch – abgesehen von Titel und Rückseite – ohne Fotos auskommt, ist eine verpasste Chance. Bei einer Figur, deren Karriere so stark über Bilder funktionierte (Stirnband, Blick, Unberührtheit), nimmt man dem Leser eine Ebene, die Distanz hätte überbrücken können. Borg und seine Frau liefern keine Legendenpflege, sondern ein Handbuch der Selbstkontrolle: präzise, manchmal kühl, oft zu glatt. Zum 70. Geburtstag ist das konsequent. Wer aber wissen will, wie es innen aussah, liest bis zur letzten Seite – und wird dennoch auf Abstand gehalten.



