Die deutsche Filmlandschaft steht vor einer grundlegenden Neubewertung: Nachdem Starregisseur Wim Wenders (80) seinen Film „Falsche Bewegung“ aus dem Jahr 1975 zurückgezogen hat, folgt nun die ARD mit einer radikalen Entscheidung. Der Kult-Tatort „Reifezeugnis“ von 1977 mit Nastassja Kinski (65) wird dauerhaft aus dem Programm genommen. Eine NDR-Sprecherin bestätigte gegenüber BILD: „Tatort: Reifezeugnis ist vom NDR bereits im Jahr 2024 bis auf Weiteres für die Ausstrahlung in der ARD gesperrt worden und wurde auch auf allen Streamingplattformen offline gestellt. Eine Ausstrahlung ist aktuell nicht vorgesehen.“ Der Film ist in seiner ursprünglichen Form für immer von den Bildschirmen verbannt.
Hintergrund der Kontroverse
Der Film, der eine Liebesszene zwischen einem Lehrer (Christian Quadflieg, 1945–2023) und seiner minderjährigen Schülerin (Nastassja Kinski) zeigt, stand bereits seit Jahren in der Kritik. Kinski war während der Dreharbeiten teilweise erst 15 Jahre alt. Regie führte Wolfgang Petersen (1941–2022), der später mit „Das Boot“ Weltruhm erlangte. Der Film wurde zuletzt am 1. Januar 2024 im rbb ausgestrahlt.
Wim Wenders‘ Entscheidung als Auslöser
Den Anstoß für die aktuelle Debatte gab Wim Wenders, der seinen Film „Falsche Bewegung“ zurückzog, nachdem Nastassja Kinski jahrelang um die Entfernung einer Nacktszene gebeten hatte. Die Schauspielerin sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war.“ Wenders änderte seine Haltung nach massivem öffentlichen Druck.
Reaktionen aus der Filmbranche
Judy Winter (82), die in „Reifezeugnis“ die betrogene Ehefrau des Lehrers spielte, zeigt sich über das Filmverbot verwundert. Sie sagt: „Ich finde es indiskutabel, einen Film wie Reifezeugnis nicht mehr zu zeigen, denn es ist ein wirklich guter Film. Nastassja war traumhaft in ihrer Rolle, Wolfgang Petersen ist sehr behutsam Szene für Szene mit ihr durchgegangen. Diese Diskussion, die jetzt fast 50 Jahre später geführt wird, überrascht mich daher ein wenig und ich finde, sie kommt zu spät.“ Sie ergänzt: „Ganz abgesehen davon finde ich es schade, Frau Kinski immer wieder auf ihre Nacktheit vor einem halben Jahrhundert zu reduzieren. Sie hätte mehr Chancen verdient, zu zeigen, was sie kann.“
Debatte in der Deutschen Filmakademie
Florian Gallenberger (54), Präsident der Deutschen Filmakademie, betont die Tragweite der Diskussion: „Die von Wim Wenders aufgeworfene Frage, ob Filme und andere Kunstwerke nachträglich verändert werden sollten, müssten oder dürften, hat nicht nur öffentlich, sondern auch innerhalb der Deutschen Filmakademie intensive Debatten ausgelöst. Die Fragestellung berührt juristische, ethische, künstlerische und kulturwissenschaftliche Dimensionen gleichermaßen.“ Die Akademie plant im September eine Veranstaltung zu diesem Thema.
Ausblick: Neue Bewertung von Filmgeschichte?
Die Diskussion um den Umgang mit Filmen, die unter einem anderen Zeitgeist entstanden sind, hat gerade erst begonnen. Es bleibt abzuwarten, ob weitere Produktionen einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Fest steht: Die Entscheidung der ARD und Wim Wenders‘ Rückzug markieren einen Wendepunkt in der deutschen Filmgeschichte.



