Das Berliner Arsenal startet an diesem Dienstag eine Werkschau für den französischen Regisseur Jean Eustache. Zeitgleich kommen seine Klassiker erstmals regulär in deutsche Kinos. Eustache, 1938 im südwestfranzösischen Pessac geboren, hat sich seine Außenseiterrolle im französischen Kino hart erarbeitet. Sein schmales Werk umfasst nur zwölf Filme, darunter Spiel- und Dokumentarfilme in verschiedenen Längen.
Vom Außenseiter zum Nouvelle-Vague-Insider
In den frühen 1960er Jahren trieb sich in den Redaktionsräumen der „Cahiers du Cinéma“ ein geckenhafter junger Mann herum, der offensichtlich nicht dazugehörte. Mit provinziellem Dialekt sprach er – ein Außenseiter im Kreis der Bürgerkinder Jean-Luc Godard, François Truffaut und Éric Rohmer. Es war der Ehemann der „Cahiers“-Sekretärin, der an seinem Regiedebüt arbeitete. Der Kritiker Luc Mollet erwartete wenig von diesem Sonderling, bis der Kurzfilm „Du côté de Robinson“ 1963 auf Festivals Preise zu sammeln begann. Der Film war stilistisch von der Nouvelle Vague beeinflusst, aber im Tonfall grobschlächtiger und weniger weltmännisch.
Für seinen zweiten Film „Le Père Noël a les yeux bleus“ versorgte Godard ihn mit übrig gebliebenem Negativfilm von den Dreharbeiten zu „Masculin féminin“. 1967 gab Godard ihm eine kleine Rolle in „Weekend“. Mit 28 Jahren war Eustache endgültig im inneren Kreis der Nouvelle Vague angekommen.
Die Werkschau im Arsenal
Die Werkschau eröffnet mit diesen beiden Frühwerken. Gezeigt werden alle zwölf Filme, darunter der Dokumentarfilm „Numéro Zéro“ (1971) über seine Großmutter Odette Robert, bei der er aufwuchs. Der Film besticht durch seine unerreichte Rohheit.
Als Hauptwerk gilt das dreieinhalbstündige Beziehungsporträt „La maman et la putain“ („Die Mama und die Hure“) mit Jean-Pierre Léaud in seiner merkwürdigsten und unangenehmsten Rolle als Kaffeehaus-Dandy und Westentaschen-Intellektueller. Der Film provozierte 1973 in Cannes Kontroversen, gewann aber den Großen Preis.
Ein Solitär der zweiten Nouvelle-Vague-Generation
In der Filmgeschichtsschreibung gilt Eustache als wichtigster Regisseur der zweiten Nouvelle-Vague-Generation, obwohl ihn stilistisch nichts mit Maurice Pialat, Philippe Garrel oder André Téchiné verbindet. Seine exorzistische Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, unbefleckt von Reflexion und Schamgefühlen, unterscheidet ihn von den Regisseuren der ersten und zweiten Generation. Sein Satz „Die Filme, die ich gedreht habe, sind so autobiografisch, wie es Fiktion nur sein kann“ beschreibt die Durchdringung fiktionaler und dokumentarischer Stilmittel.
Das Diptychon: Zwei gegensätzliche Meisterwerke
Mit „La maman et la putain“ und dem Coming-of-Age-Film „Mes petites amoureuses“ („Meine kleinen Geliebten“) hat sich Eustache in den Kanon eingeschrieben. Die Filme könnten unterschiedlicher kaum sein: Hier die geschwätzige, überlange Schwarz-Weiß-Provokation, dort die in satten Sommerfarben von Kameramann Néstor Almendros eingefangenen Erinnerungen an eine bildungsferne Kindheit. „Mes petites amoureuses“ blieb der einzige Film mit angemessenem Budget. Verbindend ist die radikal subjektive Sichtweise eines an seiner Zeitgenossenschaft verzweifelnden Zynikers.
Eustaches autobiografische Filme sind keine klassischen Bildungsromane; es geht nicht um Entwicklung oder Läuterung, sondern um das Aufzeigen von Klassenunterschieden. Sie ähneln darin den Erinnerungen Didier Eribons an sein Aufwachsen in der französischen Provinz.
Ein radikales Ende
In seiner ungerührten Offenheit – über Männlichkeitsbilder, die süffisante Skepsis gegenüber dem intellektuellen Kosmopolitismus seiner Vorbilder – hat sich Eustaches schmales Werk seit der Wiederentdeckung vor gut 25 Jahren als heilsame, wenn auch nicht mehrheitsfähige Zumutung seinen Platz im Autorenkino verdient. Mit seinem Suizid am 5. November 1981 setzte er seinem radikalen Werk ein konsequentes Ende. Die Auseinandersetzung mit diesem schwer ergründlichen, widersprüchlichen Regisseur geht weiter.



