Pedro Almodóvars neuer Film „Bitteres Fest“ führt die Zuschauer in die Abgründe künstlerischer Schaffenskrise und moralischer Selbstbefragung. Der spanische Regisseur, bekannt für seine autobiografisch gefärbten Werke, stellt in diesem metafiktionalen Melodram die Frage: Wo endet Inspiration und beginnt Ausbeutung? Der Film folgt dem Regisseur Raúl, der die Leben seiner Freunde für sein Drehbuch ausschlachtet – eine Reflexion über den „Vampirismus“ des Künstlers.
Die Handlung: Ein Film im Film
Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen. Im Jahr 2025 sitzt der Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia) an seinem Laptop und schreibt ein Drehbuch. Die darin enthaltene Story ist 2004 angesiedelt und handelt von der Werbefilmerin Elsa (Bárbara Lennie), die unter Migräne und Panikattacken leidet und den Tod ihrer Mutter nicht verwunden hat. Ihr Lover Bonifacio (Patrick Criado) – tagsüber Feuerwehrmann, nachts Stripper – bringt sie bei jedem Anfall ins Krankenhaus.
Raúls Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) erzählt ihm, dass der Sohn ihrer Partnerin an einem Tumor gestorben sei und diese daraufhin einen Selbstmordversuch unternahm. Raúl nutzt diese Tragödie für sein Skript: Er schickt Elsa gemeinsam mit ihrer Schwester nach Lanzarote, wo die Schwester wütend abreist, als sie bemerkt, dass ihre Ehekrise für die Fiktion verwendet wird. Stattdessen kommt Natalia (Milena Smit), deren kleiner Sohn bei einem Autounfall ums Leben kam, auf die Insel – auch sie versucht, sich das Leben zu nehmen.
Farbexplosion auf Lanzarote
Mit diesem Plot nimmt nicht nur Raúls Film Fahrt auf, sondern auch Almodóvars Inszenierung. Die bis dahin gediegenen Bilder verwandeln sich auf Lanzarote in eine wilde Farbästhetik: gestreifte gelbe Badetücher am schwarzen Strand, poppige Outfits, ein rosa Flamingo-Schwimmring und ein knallroter Mietwagen samt gleichfarbigem Kleid vor der Lavakulisse. Almodóvars Farben tanzen und explodieren – ein Fest für die Sinne.
Als Mónica von der Verwendung ihres persönlichen Dramas erfährt, wird sie zur Furie. Sie droht Raúl mit Klagen und kritisiert den Film, den wir vor uns sehen, in allen Details. Raúl schreibt das Skript daraufhin um und baut Mónica selbst ein – einmal Vampir, immer Vampir.
Kunstfreiheit versus Persönlichkeitsrechte
Der Film verweist auf reale Fälle wie den Gerichtsprozess um Maxim Billers Roman „Esra“ oder die gescheiterte Klage des Galeristen Johann König gegen Christoph Peters’ „Innerstädtischer Tod“. Auch andere Filme über Schaffenskrisen werden zitiert: Fellinis „Achteinhalb“, die Coen-Brüder mit „Barton Fink“, Woody Allens „Deconstructing Harry“ und „Adaption“ mit Nicolas Cage.
Berührende Momente und mechanische Tränen
Trotz der selbstreflexiven Ebene bleibt „Bitteres Fest“ seltsam leblos und papierern – mit Ausnahmen. Etwa wenn Bonifacio bei einer Junggesellinnen-Abschiedsparty strippt, mit munter karikierter Frivolität, oder wenn die kränkelnde Elsa eine partyfeiernde Freundin besucht (Rossy de Palma). Diese bietet ihr Koks, Steaks und eine Begegnung mit Barenboim an, schickt dann aber die Sängerin Amaia zu ihr. Amaia singt einen Song von Chavela Vargas – innig, eindringlich. Almodóvar verehrt die puerto-ricanische Sängerin, einem ihrer Lieder verdankt der Film seinen Titel. Später sehen Elsa und ihre Schwester Videos von Chavelas letzten Auftritten, mit fast erloschener Stimme – umso ergreifender ihr Klagegesang. Elsas Augen füllen sich mit Tränen.
In diesen Szenen wird die Mechanik des Melodrams offengelegt: Was amüsiert uns, rührt uns, bewegt uns? Müssen wir vergessen, dass es fabriziert ist? Almodóvar stellt die Künstlichkeit aus und die Tränen, die wir weinen sollen. Vielleicht will er uns weniger ergreifen, als die Konstruktion der Emotionen zeigen – oder sehen, ob beides zugleich möglich ist. Der Zuschauer sehnt sich derweil nach einfachen Chavela-Momenten und fühlt sich ertappt.
„Bitteres Fest“ läuft seit dem 20. März 2025 in den deutschen Kinos. Der Film ist eine Produktion von El Deseo und wird von Studio Canal vertrieben.



