Biennale-Künstler boykottieren Publikum: Kontrollwahn statt Kunst
Biennale-Künstler boykottieren Publikum: Kontrollwahn

Die Kunstbiennale von Venedig sorgt weiterhin für Schlagzeilen – weniger durch ihre künstlerischen Beiträge als durch politische Kontroversen. Nachdem bereits im März 2026 ein offener Brief von Künstlern und Kuratoren den Boykott des israelischen Pavillons forderte, eskalierte die Situation Ende April: Die frisch ernannte Jury erklärte, Länder wie Israel und Russland von der Preisvergabe ausschließen zu wollen. Nach öffentlicher Kritik trat die Jury geschlossen zurück. Die Biennale-Leitung reagierte mit einer Notlösung: Statt der traditionellen Goldenen und Silbernen Löwen wurden „Visitors‘ Lions“ eingeführt – Publikumspreise, die von den Besuchern per Stimmzettel vergeben werden.

Künstler wehren sich gegen Publikumspreise

Mehr als 70 Künstler der zentralen Ausstellung „In Minor Keys“ sowie prominente Namen aus den nationalen Pavillons – darunter die Extremperformerin Florentina Holzinger, Yto Barrada und Lubaina Himid – veröffentlichten einen offenen Brief. Darin fordern sie die Biennale-Leitung auf, ihre Namen von den Stimmzetteln zu streichen. Präsident Pietrangelo Buttafuoco habe weder geantwortet noch den Erhalt bestätigt, weshalb die Künstler nun über die Plattform „e-flux“ an die Öffentlichkeit gehen.

Eine Kette von Anmaßungen

Dieser Schritt ist die nächste Eskalation in einer Serie von Übergriffen auf die Autonomie der Kunstbetrachtung. Nachdem Aktivisten und die Jury den Wettbewerb politisch vorkonditionieren wollten, versuchen nun die Künstler selbst, die Besucher zu disziplinieren. Die Verachtung des Publikums ist offensichtlich – immerhin wurden bei der Biennale 2024 rund 700.000 Eintrittskarten verkauft.

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Natürlich hat jeder Künstler das Recht, einen Preis abzulehnen. Niemand ist verpflichtet, eine Auszeichnung anzunehmen, wenn er mit der Institution oder dem Reglement nicht einverstanden ist. Berühmtestes Beispiel ist Jean-Paul Sartre, der den Literaturnobelpreis ablehnte. Doch die Künstler der Biennale wollen nicht erst warten, bis sie ausgezeichnet werden – sie wollen bereits die Möglichkeit verhindern, gewählt zu werden.

Implizite Abwertung der Besucher

In ihrem Brief betonen die Künstler, sie hätten „grundsätzlich nichts gegen die Idee, Besucher über Preise abstimmen zu lassen“. Die Einführung der Publikumspreise lenke jedoch vom Rücktritt der Jury ab und widerspreche den ursprünglichen Verfahrensbedingungen. Damit sprechen sie den Besuchern implizit die Fähigkeit ab, eine freie ästhetische Wahl jenseits der politischen Aufladung zu treffen. Die Biennale-Leitung handelt ebenso unerfreulich, indem sie die Künstler schlicht ignoriert.

Notlösung mit absurden Folgen

Die Einführung der „Besucher-Löwen“ war von Anfang an ein Fehler – ob aus Verlegenheit, Panik oder Ratlosigkeit. Ein Publikumspreis ist kein Ersatz für eine unabhängige Jury. Der Versuch der Künstler, diese Notlösung moralisch zu unterlaufen, macht die Sache nur noch absurder. Der im Kulturbetrieb um sich greifende Boykott erweist sich vor allem als Methode der Bequemlichkeit.

Wer es ernst meint, müsste konsequenter handeln. Wer die Biennale in ihrer aktuellen Form für untragbar hält, sollte gleich seinen Beitrag zurückziehen. Der Zeitpunkt wäre günstig: Die Eröffnung ist vorbei, die Bilder der Kunst sind um die Welt gegangen, das Fachpublikum war bereits zur Preview in Venedig, und die Verträge über die kommerzielle Verwertung dürften geschlossen sein.

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