Der Künstler Bjørn Melhus präsentiert im ehemaligen Krematorium Silent Green in Berlin-Wedding seine neue Arbeit „LOST IN FINITY“. Die Ausstellung ist eine begehbare Installation, die Endzeitvisionen aus Hollywoodklassikern und Influencer-Videos zu einem apokalyptischen Parcours verwebt.
Vierzig Jahre Schaffen neu gesampelt
Melhus, 1966 geboren und international bekannt für seine Multi-Rollen-Performances, hat für die Schau sein eigenes Werk der letzten 40 Jahre zerschnitten und neu zusammengesetzt. In einem separaten Kinoraum läuft eine vierstündige Retrospektive, die sein Schaffen in Themenblöcken zeigt. Bereits seine Meisterschülerarbeit ist dort zu sehen: Ein doppelt geklonter Melhus in knallrotem Kleid als naiver Blondschopf.
„Hello, don’t be scared“, spricht ein Junge im Streifenpyjama mit Kuscheltier den Besuchern Mut zu, gleich zu Beginn des Rundgangs. Die Stimme ist Melhus selbst, der alle Rollen lippensynchron nachspricht – ein unheimlicher Verfremdungseffekt.
Vom Wald zur Lichtung: Dantes Göttliche Komödie als Leitfaden
Die Rampe, die früher die Verstorbenen in die kühle Betonhalle hinabführte, leitet nun die Besucher in die Finsternis. Über die Wände flimmert eine rasante Autofahrt durch einen nächtlichen Wald, kopfüber gedreht – ein Standardgruselmotiv. Eine flüsternde Frauenstimme warnt vor der Lichtung: Es ist die Mutter aus „Bambi“, von Melhus verkörpert.
Als literarischen Begleiter hat Melhus Dante Alighieri gewählt. Die Anfangsverse der „Göttlichen Komödie“ leuchten an der Wand: „Im dunklen Wald verirrt“ – eine Metapher für die globale Stimmungslage.
Beckmann, Starlink und die apokalyptischen Reiter
Inspiriert wurde Melhus auch von Max Beckmanns Illustrationen zur Apokalypse, die im Exil entstanden. Auf Lammfellen sitzend, können Besucher Melhus' finalen Videoclip zur Apokalypse sehen. Mit suggestivem Beat ziehen die biblischen Offenbarungen vorüber: Die apokalyptischen Reiter, Seuchen – symbolisiert durch Corona-Viren – und das Lamm. Dazwischen regnet es Elon Musk Cybertrucks.
Diese Arbeit entstand während eines Aufenthalts in der Villa Massimo in Rom. „Eines Abends sah ich eine Reihe heller Lichtpunkte am Himmel – es waren Starlink-Satelliten“, erzählt der Künstler. Die Satelliten hat er in die Installation integriert.
Mars als Exitstrategie? Drei Flops im Kino
Als Kind spielte Melhus mit seiner Schwester Raumpatrouille. Der damalige Globus liegt nun zwischen Elektroschrott auf dem Boden – der blaue Planet leuchtet noch. Treppauf führt der Weg in eine Raumkapsel. Soll der Mars die Exitstrategie sein? Drei US-Filme zum Thema floppten an den Kinokassen, das Genre gilt als Kassengift.
Am Ende der Ausstellung, kurz vor dem Tageslicht, erzählen die letzten Protagonisten von gesellschaftlichen Utopien. Für diese jüngste Arbeit nutzte Melhus erstmals Künstliche Intelligenz. Ein Kinderfoto von sich und seiner Schwester erweckte er digital zum Leben. Mit fremden Stimmen schwärmen die Kleinen von einer friedlichen, klassenlosen Zukunft – eine schöne neue Welt.
Fazit: Katharsis bleibt aus
Melhus beharrt auf Utopien, aber die Ausstellung bietet keine Erlösung. Die technoide Apokalypse lässt keinen Happy End zu. Dafür sorgt der schwarze Humor des Künstlers, der sich selbst nicht schont. Besucher verlassen die Installation mit einem unbehaglichen Gefühl – und einem Funken Hoffnung auf die Leuchtpunkte am Himmel.



