Fünf Schwestern gegen den IS: Die Tekkal-Familie und ihr Kampf für Menschenrechte
Fünf Schwestern gegen den IS: Die Tekkal-Familie

Fünf Schwestern einer jesidischen Großfamilie haben ihr Leben der Hilfe für Opfer des Islamischen Staates (IS) verschrieben. Düzen, Tezcan, Tugba, Tülin und Tuna Tekkal gründeten 2014 die Organisation Hawar.help, nachdem die älteste Schwester Düzen während eines Drehs als RTL-Journalistin Hilferufe aus dem Irak erhielt. „Dieser Ruf ist stärker als unsere Angst“, sagt Düzen Tekkal. Seither kämpfen sie gegen das Vergessen und für die Rechte von Frauen und Minderheiten.

Die Hilferufe aus der Heimat

Im August 2014 begann der systematische Völkermord der Terrororganisation Islamischer Staat an den Jesiden. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 400.000 Menschen vertrieben, bis zu 10.000 getötet und 7000 entführt. Frauen und Mädchen wurden versklavt und systematisch vergewaltigt. Die Jesiden, eine religiöse Minderheit mit etwa einer Million Anhängern, galten den IS-Extremisten als Ungläubige. Düzen Tekkal erhielt über Facebook die Nachricht „Hawar“ – das kurdische Wort für Hilfe. Trotz des Widerstands ihrer Mutter reiste sie in den Irak, um die Lage zu dokumentieren. „Du hast doch Glück, du bist hier in Deutschland, du bist in Sicherheit“, hatte die Mutter gesagt. Doch Düzen ließ sich nicht aufhalten. Gemeinsam mit ihrem Vater drehte sie den Film „Hawar – meine Reise in den Genozid“, der die panische Flucht und das Leid der Jesiden zeigt.

Eine Familie zwischen Verfolgung und Zusammenhalt

Die Eltern der Schwestern kamen in den 1970er-Jahren aus Diyarbakir in der Türkei nach Deutschland. Sie flohen vor Diskriminierung: „Sie waren als Jesiden zum Abschuss freigegeben“, sagt Düzen. In Hannover wuchs die elfköpfige Geschwisterschar in ärmlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit Matratzenlager, die Kinder kletterten über Zäune ins Freibad. Die Eltern hielten die Tür offen für Verwandte, und abends wurde bei Grillabenden über Unterdrückung und Verfolgung diskutiert. Diese Debatten prägten die Töchter. „Da ist diese Freude, die mich ausmacht, aber auch die Schwere des Jesidischseins“, sagt Tülin, die Jüngste. Sie arbeitet heute als DJane und dreht Comedy-Reels für Instagram, während sie für das Bildungsprojekt „German Dream“ in Schulen geht.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Vom Job zur Vollzeit-Aktivistin

Düzen Tekkal war als Journalistin erfolgreich, ihre Schwester Tezcan als Immobilienkauffrau, Tugba spielte Fußball in der Bundesliga für den 1. FC Köln. Nach der Rückkehr aus dem Irak kündigte Tezcan ihren Job und gründete mit Düzen Hawar.help. Die Ersparnisse waren schnell aufgebraucht, zeitweise nutzten sie das kostenlose Internet einer Kaffeehauskette, um Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren. Tugba stieg ein und trainierte Mädchen mit Fluchtgeschichte. Tuna, die nach ihrer Scheidung eine neue Stelle angetreten hatte, zog mit ihren beiden Töchtern nach Berlin, um die Organisation zu unterstützen. „Auf einmal war so eine Identität da. Wir wussten dann: Das sind ja unsere Wurzeln“, sagt Tuna.

Hawar.help: Von der Nothilfe zur Bildungsinitiative

Heute gehört Hawar.help zu den großen deutschen Menschenrechtsorganisationen mit 60 Mitarbeitern. Die NGO ist international aktiv und umfasst neben der Nothilfe die Bildungsinitiative „German Dream“, bei der Botschafter an Schulen über Demokratie und Vielfalt sprechen, sowie die „Scoring Girls“, ein Fußballprojekt, das Mädchen mit Migrations- und Fluchterfahrung stärkt. Die Schwestern erreichten in den sozialen Medien innerhalb von 90 Tagen über 65 Millionen Aufrufe. Düzen Tekkal wurde als Sachverständige in den Bundestag eingeladen und war zeitweise für die CDU im Gespräch für das Amt der Integrationsbeauftragten. „Ich konnte mich mit der Merkel-CDU identifizieren“, sagt sie. Heute ist sie eine der größten Kritikerinnen von Friedrich Merz, dem sie vorwirft, Migranten zu Sündenböcken für männliche Gewalt zu machen.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Der Konflikt mit der Mutter

Die Mutter der Schwestern hatte sich gewünscht, dass ihre Töchter einen jesidischen Mann heiraten, der für sie sorgt, oder zumindest an die Rente denken. Stattdessen haben sie ihre Karrieren aufgegeben. Nach einer gemeinsamen Griechenland-Reise, bei der die Schwestern die Mutter in ihre Social-Media-Beiträge integrierten, gab es ein Donnerwetter: „Wir sollten endlich an uns denken. An unsere Zukunft“, sagt Düzen. Doch die Schwestern sehen ihre Arbeit als Verantwortung. „Alles, was wir heute aufgebaut haben, basiert auf dieser Asche des Völkermords“, erklärt Düzen. Das Auge des Engel Pfau, Tausi Melek, wacht über ihr Logo – und über ihren Einsatz für die Opfer.