Thorsten Frei ist neuer Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Abgeordneten wählten ihn am Mittwochnachmittag mit 91,1 Prozent der Stimmen. Damit schnitt Frei sogar besser ab als sein Vorgänger Jens Spahn, der im Mai 86,5 Prozent erhalten hatte. Das Ergebnis gilt als Ausdruck von Disziplin in einer Zeit großer Unruhe innerhalb der CDU, die sich in der wohl größten Krise der Partei seit Jahren befindet.
Hintergrund und Erwartungen
Frei, bisher Kanzleramtsminister unter Friedrich Merz, tritt die Nachfolge von Jens Spahn an. Unter den Bundestagsabgeordneten der Union gilt Frei als verbindlich, absprachefest und detailkundig. Dennoch blicken selbst langjährige Weggefährten mit Skepsis auf seine künftige Amtsführung. Die zentrale Frage ist, ob Frei die Fraktion so selbstbewusst führen wird wie Spahn. Spahn war zwar an der CDU-Basis unbeliebt, aber in der Fraktion geschätzt. Er vertrat die Interessen der Union gegenüber Kanzler, Regierung und Koalitionspartner SPD mit Nachdruck.
Freis Verhältnis zu Friedrich Merz
Anders als Spahn wird Frei nicht verdächtigt, selbst Kanzler werden zu wollen. Er gilt als enger Vertrauter von Friedrich Merz. Dies wirft die Frage auf, ob die Fraktion unter Frei zum verlängerten Arm des Kanzleramts wird. Manche Abgeordnete äußern hinter vorgehaltener Hand die Sorge, dass Freis Loyalität zu Merz die Unabhängigkeit der Fraktion schwächen könnte. Frei selbst war zuvor Merz’ Parlamentarischer Geschäftsführer in der Oppositionszeit und wechselt nun als – nach Ansicht mancher Parteifreunde – wenig erfolgreicher Kanzleramtsminister an die Fraktionsspitze.
Disziplin in der Krise
Die Wahl Freis mit 91,1 Prozent wird als Zeichen der Geschlossenheit gewertet. Die Abgeordneten verzichteten darauf, mit einer schlechten Bewertung gegen Frei den Kanzler unter Druck zu setzen. CDU, CSU und SPD werden nun genau beobachten, wie Frei die Fraktion führt – insbesondere, ob er im Zweifel Konflikte mit dem angeschlagenen Kanzler eingeht. Die in der CDU aufgeworfene Frage, ob sich das Verhältnis zwischen Frei und Merz einst wie zwischen Volker Kauder und Angela Merkel entwickeln könnte, wird als unbegründet angesehen. Merkel führte die Union von Wahlsieg zu Wahlsieg und wirkte am Ende ihrer 16-jährigen Amtszeit stabiler als Merz nach knapp 15 Monaten im Amt.
Ausblick
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Frei die Erwartungen erfüllen kann. Die Koalitionsverhandlungen mit der SPD und die Regierungsarbeit verlangen eine starke Fraktionsführung. Frei muss beweisen, dass er die Interessen der Union auch gegen den Kanzler durchsetzen kann. Die Partei hofft auf eine Beruhigung der internen Turbulenzen.



